Wer heute heiratet und eine Familie gründet, gehört zur Minderheit. Scheidungen nehmen zu, Heiraten massiv ab, und der Geburtenüberschuss schmilzt dahin.
awi/sda. Letztes Jahr lag der Geburtenüberschuss in der Schweiz noch bei 12 200. Wenige Jahre, dann überragt die Anzahl Todesfälle die jährliche Geburtenzahl. Der Grund: Die Zahl der neugeborenen Kinder hat sich alleine zwischen den Jahren 2000 und 2001 um 6,3 Prozent von 78 458 (2000) auf 73 509 Kinder verringert. Gleichzeitig verharrte die Sterblichkeit auf einem Niveau von rund 62 000 Todesfällen pro Jahr. Laut einer Annahme vom Bundesamt für Statistik könnten diese aber schon in acht Jahren überhand nehmen. Kurzum: In der Schweiz wird trotz der Einwanderung kinderreicher Ausländer bald mehr gestorben als geboren.
Heiratslust gering
Dies ist nur eine Ziffer, die aus der gestern veröffentlichten Statistik zur Schweizer Bevölkerungsentwicklung zu entnehmen ist. Diese hat ebenso registriert, dass 2001 so wenig geheiratet wurde wie in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr. Insgesamt 35 987 Ehen wurden geschlossen, 9,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Und dies trotz einer leichten Zunahme der Personen im heiratsintensiven Alter (zwischen 22 und 34 Jahren).
Besonders ausgeprägt ist der Rückgang mit 14,5 Prozent bei den ledigen Schweizerinnen. Doch auch Ausländerinnen haben laut der Statistik mit einem Rückgang von 9,8 Prozent das Single-Dasein dem Eheleben vorgezogen.
Wieder mehr Scheidungen
2001 haben die Gerichte mit 15 778 bereits wieder rund 50 Prozent mehr Ehen geschieden als im Jahr zuvor. Damals, als das neue Scheidungsrecht eingeführt wurde, wurden 10 511 Ehen geschieden. Im Jahr davor waren es 20 809.
Im zweiten Jahr nach der Einführung des Scheidungsrechtes bestätigt sich demnach, dass der Rückgang zwischen 2000 und 1999 eine Folge der ganz neuen Rechtslage war. Die rasche Rückkehr zur Entwicklung im Scheidungsverhalten der Neunzigerjahre kann auch anhand der Scheidungsgründe dokumentiert werden: Im letzten Jahr wurden fast 97 Prozent der Scheidungen auf Grund einer Einigung ausgesprochen. Im Jahr zuvor betrug dieser Anteil knapp 89 Prozent.
Mehr uneheliche Kinder anerkannt
Letztlich ist noch ein positiver Anstieg
zu vermelden: Im vergangenen Jahr hat die Zahl der biologischen Väter,
die ihr nicht ehelich geborenes Kind anerkannt haben, deutlich zugenommen.
Neue Luzerner Zeitung, Freitag 21.Juni
2002
www.neue-lz.ch/news/artikel.jsp?ref=30207575
Demografie Ehetrubel und Kindermangel
Das Familienleben der Schweizer gerät immer mehr aus den Fugen: Die Anzahl der Heiraten und Geburten nahm 2001 massiv ab, die der Scheidungsfälle zu.
«Solange in der Schweiz die Geburten die Sterbefälle überwiegen, vermögen unsere Zahlen die Politiker nicht aufzurütteln», sagt Walter Zingg vom Bundesamt für Statistik. «Dabei stürzen die Geburten- und Heiratsziffern derzeit richtiggehend ab», analysiert der Demograf und verweist auf die gestern publizierte Statistik zur Bevölkerungsentwicklung. Die Alarmglocke läute dann womöglich in rund acht Jahren, wenn die hohe Geburtenquote von Ausländerinnen in der Schweiz die zunehmende Mortalität der Schweizer nicht mehr verdecke.
In der Tat sind die neuesten Kennzahlen eine tiefere Betrachtung wert: Im Vergleich zum Jahr 2000 gab es in der Schweiz 2001 9,5 Prozent weniger Heiraten, 6,3 Prozent weniger Geburten, 50 Prozent mehr Scheidungen.
10 Prozent weniger Ehen
Der Anfang der sich anbahnenden «Misere» ist in erster Linie in der Abnahme der verheirateten Paare zu suchen. Die Zahl der Verehelichungen hat 2001 gegenüber dem Vorjahr um 9,5 Prozent auf knapp unter 36 000 markant abgenommen. 1981 war diese Zahl letztmals unterschritten worden; seither war sie im Aufstieg begriffen und konnte dank dem «Schnapsdatum» 9. 9. 99 sogar einen Rekordwert verzeichnen.
Aussergewöhnlich ist die Höhe des Rückganges nicht zuletzt deshalb, weil die Zahl der Personen im heiratsintensiven Alter (zwischen 22 und 34 Jahren) gleichzeitig zugenommen hat. Laut den Statistikern haben aber vor allem junge Schweizerinnen und Ausländerinnen keine Lust mehr, sich ins Eheabenteuer zu stürzen. «Einzig bei den ganz jungen Frauen verhält es sich etwas anders, bloss hat sich dies noch nicht als statistischer Trend bestätigt», ergänzt Walter Zingg.
Scheidungen noch und nöcher
Die verminderte Heiratsfreudigkeit hat guten Grund, betrachtet man die Entwicklung der Scheidungsrate der Schweizer Wohnbevölkerung. Diese hat zweieinhalb Jahre nach Einführung des neuen Scheidungsrechts wieder stark zugenommen: Sie lag 2001 mit 15 778 Fällen bereits um 50 Prozent höher als im Jahr 2000.
Dass die Zahl der Scheidungen im Steigen begriffen ist, überrascht dabei weniger, als dass sie auch mit dem neuen Scheidungsrecht weiterhin so hoch ist. Das Scheidungsverhalten von 2001 entspricht sogar weitestgehend den Verhältnissen wie unter dem alten Scheidungsrecht in den 1990er-Jahren - trotz den heutigen «Erschwernissen», wie etwa der vierjährigen Trennungsfrist für uneinige Paare.
Indiz dafür sind die Scheidungs-gründe: Die einvernehmliche Scheidung (vollständige Einigung) hat mit 97 Prozent der Fälle die Nachfolge der früheren faktischen Konventionalscheidung wegen «Zerrüttung der Ehe» übernommen. Keine Einigung erfolgte nach neuem Scheidungsrecht in 3 Prozent der Fälle.
Zum Vergleich: Im Einführungsjahr 2000 hatte der Anteil der Scheidungen auf Grund einer vollen Einigung bei «nur» 89 Prozent gelegen. Aus dieser Entwicklung war deshalb im vergangenen Jahr die Forderung nach einer neuerlichen Teilrevision des Scheidungsrechts entstanden. Die parlamentarische Initiative von Lili Nabholz (FDP, Zürich) ist diese Woche allerdings sang- und klanglos von der Traktandenliste des Nationalrats gestrichen worden. «Auf Grund wichtigerer Geschäfte» kommt die Vorlage erst im Herbst in die Grosse Kammer, wie von Christine Lenzen, Sekretärin der nationalrätlichen Rechtskommission, zu erfahren war.
Markant weniger Babys
Ob Ehekrieg oder Ehefrieden, die Abnahme der Verheirateten in der Schweizer Wohnbevölkerung hat markante Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit: Die Geburtenzahl ist so tief wie seit Jahrzehnten nicht mehr. 73 509 Kinder wurden 2001 lebend geboren, ganze 6,3 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Man muss bis ins Jahr 1980 zurückgehen, um eine tiefere Zahl zu finden. Zwar sind die Geburtenzahlen seit 1992 in kontinuierlichem Rückgang begriffen, doch die Höhe der Abnahme der Geburtenziffern zwischen 2000 und 2001 ist einmalig seit Mitte der 1970er-Jahre.
Erklärbar ist der markante Absturz der Natalität durch die Abnahme der Anzahl Frauen im gebärfähigen Alter. Ausserdem konstatiert Walter Zingg vom Bundesamt für Statistik einen Verhaltenseffekt: «Schliesslich haben 56 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter - gemeinsam mit ihren Partnern- beschlossen, auf Kinder zu verzichten oder eine (weitere) Mutterschaft in ein höheres Alter zu verschieben.»
Indiz dafür, dass vor allem verheiratete Paare lieber ohne Kinder leben, ist nicht zuletzt die relativ stabile Rate der unehelichen Babys: 2001 wurden 8352 oder 11,4 Prozent der Kinder von unverheirateten Frauen zur Welt gebracht. Eine Quote, die im Vergleich zum benachbarten Ausland immer noch tief ist. Der Anteil nicht ehelich Geborener liegt in Deutschland bei 22 Prozent, in Frankreich gar bei 42 Prozent.
Geburtenüberschuss schwindet
Insgesamt sieht die Entwicklung des natürlichen Bevölkerungswachstums - die Zahl der Geburten minus die Todesfälle - in der Schweiz keineswegs rosig aus. Der Geburtenüberschuss ist bei einer Sterblichkeit, die sich in den letzten Jahren zwischen 61 000 und 63 000 Todesfällen eingependelt hat, stark zurückgegangen. Hatte er 1996 noch 20 400 betragen, lag er 2001 bei 12 200.
VON ANDREA WILLIMANN
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