Ein 16 Monate altes Mädchen stirbt
bei Genf, weil niemand sich um seinen Verbleib gekümmert hat
Von Thomas Kirchner
Zürich – Wie die Autopsie ergab, überlebte die kleine Silvie genau zwölf Tage allein in der Wohnung. Dann starb das 16 Monate alte Mädchen an Hunger und Durst. Ihre drogensüchtige Mutter saß derweil in Haft. Anfang Juni, da war Silvie zwei Wochen tot, fanden Polizisten sie in einem Appartement bei Genf. Seither wird in der Schweiz gestritten, wer Schuld an dem Unglück trägt, und Kritik an den Behörden wird lauter. In Genf gedachten der kleinen Silvie mehr als 300 Menschen mit einem Schweigemarsch. Man wolle auch „an all jene Menschen in Genf und auf der Welt erinnern, die als Opfer einer totalen Gleichgültigkeit sterben“, sagte eine Organisatorin.
Inzwischen lässt die Genfer Regierung den Fall von einem Untersuchungsrichter klären. Die Mutter, eine 22 Jahre alte Portugiesin, wurde am 8.Mai wegen diverser Delikte festgenommen. Die Gefängnisbehörden log sie an, sie habe die Tochter Bekannten in Obhut gegeben – aus Angst, das Sorgerecht für Silvie zu verlieren. Noch am selben Tag bittet sie einen Freund, sich um die Kleine zu kümmern. Der Bruder dieses Freundes will daraufhin mehrmals an der Wohnungstür geklingelt haben, ohne Antwort zu erhalten. Schließlich nimmt er an, eine Freundin kümmere sich um das Kind.
Die Behörden glauben den Beteuerungen der Mutter, ohne den Aufenthaltsort des Mädchens zu prüfen. „Hätte sie die Situation, in der sich ihr Kind befand, ehrlich beschrieben, wäre die Polizei nicht dermaßen irregeführt worden“, verteidigt sich Genfs Polizeidirektor Gerard Ramseyer in der Zeitung Blick, „dieser fatale Zeitverlust hat leider zu dem Drama geführt.“ Wie sich nun jedoch herausstellt, hätten die Behörden aufgrund einer Zeugenaussage durchaus Kenntnis von Silvias Leiden haben können. Ein Mann, der von der Mutter beklaut worden war, sprach am 10. Mai – das Kind war seit zwei Tagen allein – bei der Polizei vor. Er habe berichtet, dass er am Vorabend durch die geschlossene Wohnungstür das Weinen eines Kindes gehört habe, von innen sei an der Klinke gerüttelt worden. Die Protokollantin der Polizei kann sich an diese Angaben nicht erinnern. Die Behörden bleiben untätig.
Die Großmutter des Kindes erkundigt
sich zwei Tage nach der Verhaftung ihrer Tochter nach dem Verbleib der
Enkelin. Silvia sei versorgt, beruhigen sie die Behörden. Später
verlangt sie vom Hauswart den Schlüssel zur Wohnung der Tochter –
und wird abgewiesen. Die Nachbarn haben Silvias Schreie entweder nicht
gehört oder ignoriert.
Dienstag, 19.6.2001
Süddeutsche Zeitung
http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/artikel52115.php