Aus dem richtigen Grund das Falsche getan

Der Vater wollte die Tochter aus Belize zurückholen. Er legte die Mutter herein - mit einer gefälschten Urkunde.

Von Mathias Ninck

Nun, er stehe mit seiner Ex-Frau auf "Stufe Kühlschrank", und, sagte der Angeklagte dem Einzelrichter, "ich bin froh, wenn ich mit ihr nichts zu tun habe". Das Schlimmste hat der Angeklagte, ein 34-jähriger Bauführer aus Dietikon, hinter sich; vor drei Monaten ist er geschieden worden. Er hat, und das gibt ihm eine gewisse Genugtuung, das alleinige Sorgerecht für seine 6-jährige Tochter zugesprochen erhalten. Dass er jetzt verurteilt werden sollte wegen Urkundenfälschung, das findet er eigentlich gar nicht so schlimm, wie er sagte. Hauptsache, er bekommt ein sauber ausformuliertes Gerichtsurteil, in dem man nachlesen kann, warum er es getan hat. "Denn eines Tages wird meine Tochter Fragen stellen."

Er wird ihr dann erzählen, wie alles angefangen hat. Wie die Eltern geplant hatten, in die Karibik auszuwandern, nach Belize, dort eine Tauchschule zu eröffnen. Wie sie gespart hatten, alle Jahre übers Neujahr ein paar Wochen hingefahren waren, Häuser angeschaut und schliesslich ein Stück Land gekauft hatten - bis es im Sommer 1998 ernst galt. Der Haushalt in der Schweiz wurde aufgelöst, der häusliche Kram in einem Container verschifft. Mutter und Kind reisten ab, der Vater blieb vorerst in der Schweiz, weil sein Arbeitsvertrag erst im Winter ablief. Da, an diesem Punkt, nahm die schwierige Zeit ihren Anfang.

Schon bald nach der Abreise seiner Familie nach Belize erreichte ihn der Brief eines Freundes aus dem kleinen Karibikstaat. In diesem stand, er, der Zurückgebliebene, solle doch vielleicht einmal Nachschau halten. Der Bauführer aus Dietikon flog hin, und es sah schlecht aus: Seine Frau war mit einem andern Mann zusammen, einem einheimischen Drogendealer, hatte einen guten Teil des Ersparten verprasst. Und dann teilten ihm Leute aus dem Dorf mit, die Frau kümmere sich nicht recht um die Tochter.

Den Mund zukleben

Zurück in der Schweiz überlegte sich der Angeklagte, wie er seine Tochter zurückführen könnte. Seinen Gefühlen am besten entsprochen, hätte es, wie er sagte, wenn er "hingefahren wäre, seine Frau an einen Baum gefesselt und ihr den Mund zugeklebt hätte und mit der Tochter nach Hause geflogen wäre". Er wählte eine feinere Methode. Er kopierte den Briefkopf des Bezirksgerichtes Zürich in seinen Computer und verfasste ein Urteil: Die Ehefrau werde betreffend Sorgerecht über das Kind angewiesen, dieses dem Vater zur Erziehung in der Schweiz anzuvertrauen. Mit der Fälschung flog er nach Belize, mit der Tochter kehrte er zurück. Später erfuhr die Frau, dass sie hereingelegt worden war.

Der Einzelrichter fand, der Angeklagte sei recht raffiniert, ja skrupellos vorgegangen; ein Gerichtsurteil zu fälschen, bedeute, die Autorität des Gerichtes zu untergraben. "Aber", sagte der Richter dem Mann, "Sie hatten gute Motive, Sie wollten das Beste für Ihr Kind." Der Angeklagte fragte, ob dieser letzte Satz im schriftlichen Urteil stehen werde. Der Richter garantierte es. "Dann bin ich mit dem Urteil einverstanden", sagte der Mann, der zu sechs Monaten Gefängnis bedingt verurteilt wurde.
 
 
 

18.02.2000
Tages-Anzeiger - Region