Unter dem Titel «Menschen stossen auf Unverständnis» berichtet Christoph Mangold über Leute, die sonst nicht zu Worte kommen.

Menschen stossen auf Unverständnis
Von Christoph Mangold

In auswegloser Situation: Hilferufe per E-Mail

Gestern schickte uns ein Mann seinen Brief durchs Internet, X-MIME-Autoconverted: from quoted-printable to 8bit by mail.baz.ch - ohne Punkt. Sein PC müsse für einige Tage in Reparatur. Ich hatte ihn nicht vergessen; wir waren nur in den Ferien, an der dalmatinischen Küste, ohne Laptop, knallblaues Meer, und doch sieht man in unserer Bucht bis auf den weissen Grund, die Olivenhaine und Weinberge sind immer noch sattgrün. Zum Glück war die Batterie in der Kamera leer, kein Mensch würde die Postkartenidylle glauben.

«Meine Situation ist verfahren, aussichtslos, verzweifelt», schreibt der Mann. Er hat kein Familienglück.

«Der Zutritt zum eigenen Haus wurde mir verboten und die Obhut unserer Kinder (sechs, vier, ein Jahr alt) meiner Frau übertragen. Ihr wurde vom zuständigen Richter geglaubt, ohne mich überhaupt zur Sache anzuhören. Sie hat vor Gericht behauptet, dass ich gewalttätig sei. In Tat und Wahrheit wurde ich von meiner Ehefrau geschlagen und psychisch terrorisiert, so dass sich meine vorbestandenen Depressionen verschlimmerten.» Depressionen. Da fällt mir sofort ein: was das heisst, wenn es nicht nur ein Wort ist und so daherkommt. Was es für die Umgebung heisst. Stumme Vorwürfe, Leere, jede Reaktion falsch. Keinen Moment sicher sein, was ist, nichts zu machen. Das hält kein Mensch aus. Der eine ist depressiv, und die darum herum werden wahnsinnig. Wie sich selber retten? Doch zurück zu dem Mann. Seine Geschichte könne auch unter dem Aspekt «Diskriminierung des Mannes im so genannten Sozialstaat Schweiz» gesehen werden. «Durch Verneinung der Zuständigkeit aller Beteiligten bin ich durch sämtliche Maschen des zweifelhaften sozialen Netzes gefallen. Während sich die Schweiz auf internationalem Krisengebiet ihrer <humanistischen> Tradition rühmt und versucht, Familien zusammenzuführen, werden hierzulande Familien ohne Bedenken auseinander gerissen.»

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«Bereits im letzten Frühjahr habe ich mich in meiner ausweglosen Situation an zahlreiche Personen und Institutionen gewandt. Leider habe ich keine oder nur abweisende Reaktionen erhalten. Der Schritt in die Öffentlichkeit bedeutet für mich die einzige Möglichkeit, einen grösseren Kreis anzusprechen und etwas in Bewegung zu setzen.» Zusehen, ja, aber sich einmischen? Es gibt immer zwei und mehr Seiten.

Seine Frau habe das Ehescheidungsverfahren respektive ein Verfahren nach Artikel 145 ZGB (vorsorgliche Massnahmen) verlangt. Er widerspricht ihrer Darstellung, er sei gewalttätig. «Diese Gewaltdarstellung entspricht einem leider gängigen Bild, und ich bin bereit, meine Friedfertigkeit zu beweisen. Zu den Kindern pflegte ich zudem ein liebevolles und inniges Verhältnis. Der Richter wusste bei seinem Entscheid, dass ich jahrelang die Kinder betreut hatte und über kein nennenswertes Einkommen verfügte, eben weil ich Hausmann war, daneben die Administration der Praxis meiner Frau führte und auf dem Internet Forschungsarbeiten ausführte. Weil mir durch seinen unüberlegten Entscheid auf einen Schlag gleichzeitig das Dach über dem Kopf und meine Arbeit, also die Grundlage jeder menschlichen Existenz, genommen wurde, lebe ich seit nunmehr über acht Monaten auf der Strasse in einem Wohnwagen. In dieser Zeit habe ich meine Kinder nie mehr gesehen, was mich mit übergrosser Trauer erfüllt. Ich mache mir grosse Sorgen um die Kleinen, da ich nicht weiss, durch wen sie betreut werden, da meine Ehefrau zu hundert Prozent berufstätig ist. Zudem befürchte ich, dass sie durch dieses lange Getrenntsein von mir entfremdet werden - die Folgen davon sind unabsehbar!»

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Im September schickte mir der Mann wieder ein E-Mail. «Ich habe heute versucht, meine <Geschichte> aufzuschreiben, wie Sie mir vorschlugen. Dabei ist mir eingefallen, dass Sie ja eigentlich bereits über diese verfügen. Gewisse Details haben sich in der Zwischenzeit zwar verändert, doch im Prinzip stagniert meine Lage und damit mein Befinden. Ich bin aber nach wie vor an einem Going public sehr interessiert, und ich bitte Sie daher, mit mir noch einmal Kontakt aufzunehmen. Ich schliesse nicht aus, dass wir uns auch persönlich treffen könnten/sollten.»

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«Im Sinne einer <modernen> «Geschichte/Berichterstattung habe ich die Idee, eine eigene, kurze Website zum Thema <Väter in Trennungssituationen> zu eröffnen. Selbstverständlich wären darin auch die Links zu bestehenden Angeboten verzeichnet. Ich hatte heute Gelegenheit, diese Angebote für Männer in meiner Lage auf dem www anzusehen. Sie geben allerdings verschieden viel her.

Da ist einerseits die IGM, welche (vor allem im so genannten Beratungsangebot) einen etwas amateurmässigen Eindruck hinterlassen hat. Besonders stösst die 175er-Nummer für die Kontaktnahme auf (Männer in meiner Situation sind nicht auf Rosen gebettet). Schon sehr viel besser scheint mir das Angebot des VeV, welchen ich heute mit einem E-Mail auch um Unterstützung gebeten habe.»

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Seine Frau habe Zahlungen an ihn verweigert, so dass er auf Unterstützung aus dem Bekanntenkreis angewiesen sei. Ein beauftragter Anwalt nehme seine Pflichten nur gerade in dem Umfang wahr, in welchem er Zahlungen für die unentgeltliche Prozessführung erwarte.

Das zuständige Sozialamt verweigere jegliche Unterstützung «und macht sich einen Spass daraus, mich das auch wissen zu lassen. Eine Therapeutin, die sich meiner Depressionen annimmt, habe ich nur auf Zeit gefunden, da die Krankenkasse an die Kosten nichts bezahlt, weil die Prämien selbstverständlich nicht beglichen sind. Das Obergericht, bei welchem mein Einspruch gegen die Verfügungen seit Monaten hängig ist, scheint keine Eile zu haben, das erstinstanzliche Skandalurteil zu revidieren, damit ich endlich meine Kinder wiedersehen könnte. Ich sitze hier und verzweifle ob der Unfähigkeit der Instanzen, die komplexe Situation zu begreifen. Das E-Mail ist für mich die effizienteste und gleichzeitig billigste Kommunikationsart. In dieser ausweglosen Situation bitte ich Sie, sich wieder mit mir in Verbindung zu setzen. Bei einem persönlichen Gespräch oder mit einem Gedankenaustausch via E-Mail könnten wir miteinander diskutieren, wie ich einen Ausweg finden könnte.» Und gestern schrieb er uns noch: «<Murphy's Law> bestätigt sich - nun geht nicht nur mein Notebook, sondern auch mein Handy in Reparatur. Dann ist jede Kommunikation für einige Tage unmöglich.»

Internetadressen:
www.igm.ch/kern.html
www.vev.ch
 
 

11.10.1999
Basler Zeitung