«Kinder haben Rechte», hält eine UNO-Konvention fest. In der Schweiz sind diese Rechte weitgehend gewährt, wie sechs Kinderschutz-Organisationen in einem Bericht über die Situation von Kindern und Jugendlichen bestätigen: «Die Bedingungen für ihr Wachsen und Gedeihen sind in unserem Land im Allgemeinen gut.» In der Schweiz muss kein Kind hungern, es hat Zugang zu Erziehung und medizinischer Versorgung, es kann sich entfalten. Aber die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich im letzten Jahrzehnt beschleunigt vollzogen haben, haben auch neue Probleme geschaffen.
Wandel der Familie
Die individuelle Lebensgestaltung hat sich verändert, die Familie hat sich gewandelt. In nur noch 60 Prozent der Schweizer Haushalte leben Erwachsene und Kinder zusammen. In den meisten Familien gibt es nur noch ein Kind, 15 Prozent der Kinder leben nur mit einem Elternteil. Die Scheidungsrate beträgt 40 Prozent. Kinder nehmen in unserer Gesellschaft nicht mehr erstrangige Bedeutung ein. Obwohl die Mütter von 650 000 Kindern einer Erwerbsarbeit nachgehen, stehen nur 25 000 Betreuungsplätze zur Verfügung. Auch der Wandel der Arbeitswelt hat Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche: Sie leiden unter Arbeitsbelastung oder Arbeitslosigkeit ihrer Eltern und unter der eigenen Schwierigkeit, eine Lehrstelle zu finden. Und immer mehr Väter und Mütter gehören zu den «working poor», zu jenen, die trotz voller Erwerbs-tätigkeit ihre Familie nicht mehr ernähren können. Je nach Definition sind sieben bis zwölf Prozent aller Schweizer Kinder davon betroffen. «Die Kluft zwischen Kindern aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten vertieft sich, und mit ihr wächst die Chancenungleichheit in Bezug auf deren Entwicklungsmöglichkeiten und Teilnahme an der Gesellschaft», heisst es in dem Bericht.
Verlorene Kindheit
Insgesamt ging es den Kindern in der Schweiz noch nie so gut. Fast alle sind «Wunschkinder». Alle haben Zugang zu einem guten Erziehungs- und Ausbildungssystem, sie können sich entfalten und haben gute Entwicklungsmöglichkeiten. Andererseits dringt die Erwachsenenwelt schon sehr schnell in die Welt der Kinder ein. «Vermehrt leiden Kinder unter den gleichen Krankheiten wie Erwachsene», stellt der Bericht fest. Auch Kinder sind nicht verschont von Stress, Leistungsdruck und Zukunftsangst. Schlaflosigkeit, Essstörungen, Depression und Drogenkonsum sind die Folgen. 110 Jugendliche nehmen sich jedes Jahr das Leben, und fast jeder Fünfte zwischen 15 und 20 hat schon daran gedacht. Bereits ein Prozent der 11- bis 15-Jährigen konsumiert täglich Alkohol. Unter den 15- bis 20-Jährigen trinkt fast die Hälfte der Männer und ein Drittel der Frauen regelmässig Alkohol, fast 40 Prozent rauchen. Zwar bezeichnet sich nur ein Prozent der Jugendlichen als Konsumenten «harter» Drogen, aber 27 Prozent haben Erfahrung mit «weichen» Drogen.
Gewalt gegen Kinder, von Kindern
Kinder und Jugendliche sind vermehrt mit
Gewalt konfrontiert. Sie sind physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt,
sexueller Ausbeutung, Vernachlässigung. Körperliche Gewalt von
Eltern gegen ihre Kinder sei «keine Ausnahme, sondern Norm und Regel».
Kaum zu messen ist die psychische Gewalt. Sexuelle Übergriffe erfolgen
meist durch bekannte und verwandte Personen. Jugendliche - vor allem im
Alter zwischen 15 und 17 - üben auch mehr Gewalt aus. Dabei bestehen
offensichtlich keine Unterschiede hinsichtlich der Familienherkunft. «Das
Bedürfnis nach 'Action' und 'Nervenkitzel' ist ein wichtiges Motiv»,
stellen die Jugendexperten fest. Inwieweit die Medien dabei eine Rolle
spielen, hat der Bericht nicht untersucht. Immerhin sitzen Kinder durchschnittlich
94 Minuten pro Tag vor dem Fernsehapparat. Allerdings sind «Bücher
noch das häufigste Medium im Kinderzimmer» - neun von zehn Heranwachsenden
besitzen Bücher. Etwa 35 Minuten pro Tag nutzen Kinder den Computer
für Spiele, 20 Minuten für andere Funktionen, wobei Mädchen
«eine distanziertere Haltung haben». Zudem ist der Zugang zu
neuen Medien «stark schichtabhängig». So bestehe «bereits
bei Kindern die Gefahr der Bildung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, von
Menschen, die 'online' oder 'offline' sind» in Bezug auf die Informationsgesellschaft.
Bei allen Problemen, die der Bericht über die Situation der Kinder
in der Schweiz nennt, können Kinderrechte helfen, Schutz zu gewähren.
Entscheidend sind jedoch die Erwachsenen, wie Franz Ziegler vom Schweizerischen
Kinderschutzbund sagt: «Der Schutz der Kinder hängt vom Bewusstsein
der Erwachsenenwelt ab.»Eleonore Baumberger
09.10.1999
Tagblatt Online