DIE ZEIT

Leben 17/2002

Vater: Unbekannt
--------------------------------------------------------------------------------

Ihr Leben lang zweifelte Stefanie Schmied daran, dass der Mann, der sie aufzog, wirklich ihr Vater war. Nach Jahren der Verzweiflung brachte ein Gentest die harte Wahrheit ans Licht. Für sie war es eine Erlösung 

von Lotta Wieden

An einem Montag im Juni vergangenen Jahres heftet Stefanie Schmied, 34 Jahre alt, die Wahrheit über ihre Herkunft in einem Aktenordner ab. Sie hat erreicht, was zu erreichen war: Ihre Mutter musste aufstehen vor dem Richter im Frankfurter Amtsgericht und erklären: »Ich weiß nicht, wer der Vater meiner Tochter ist.« Und Stefanie bekam, was sie haben wollte: eine neue Geburtsurkunde. Eine, auf der neben dem Vermerk »Vater« statt eines Namens eingetragen wird: »unbekannt«.

Seit jenem Tag, dem Tag ihres Triumphes, hat Stefanie Schmied nichts mehr von ihrer Mutter gehört. Die Geburtsurkunde sollte den Anfang ihres neuen Lebens markieren. Doch es sieht so aus, als bliebe sie Teil einer alten Geschichte, einer, die mehr als dreißig Jahre zurückliegt. »Schon als kleines Mädchen habe ich gewusst, irgendwas stimmt nicht«, erzählt Stefanie Schmied. »Ich fragte mich, warum mein Vater und meine Brüder blond und blauäugig sind, ich dagegen dunkles Haar und braune Augen habe.« - »Du gehst eben nach der Oma«, erklärt ihr die Mutter, Augenfarbe: Grün.

Als Stefanie elf Jahre alt ist, trennen sich die Eltern. Die Mutter ist verzweifelt, Stefanie plötzlich überall im Weg. Sie wird geschlagen, manchmal eingesperrt, meist sich selbst überlassen. Die Sache mit den Augenfarben geht ihr nicht aus den Kopf. Doch sie fragt nicht mehr, weil sie Angst hat vor Antworten wie: »Was für ein Unsinn!« oder »Du spinnst ja!« 

»Wissen Sie«, sagt Stefanies Mutter heute, »meine Tochter ist krank. Sie erzählt manchmal Geschichten. In Wahrheit hat sie nie nach ihrer Herkunft gefragt. Erst später, als sie eine Therapie nach der anderen machte.« Und dann, stiller: »Kann denn nicht jedem mal ein Fehler passieren? Wie hätte ich denn tun sollen? Meinem Mann von dem Seitensprung erzählen? Heute verzeihen sich junge Leute so was, aber damals, 1967 in der Kleinstadt? Da wäre meine Ehe sofort kaputt gewesen.«

»Meine Mutter hat immer nur an sich gedacht. Ich war ihr völlig egal«, sagt Stefanie Schmied in ihrer Dachgeschosswohnung in Idstein. Ziellos rutschen ihre vernarbten Hände auf dem Aktenordner herum. Über fünfzehn Jahre psychiatrischer Behandlung liegen heute hinter ihr. Noch immer will das neue Leben nicht recht beginnen. 

Warum Stefanie Schmied zu einem psychiatrischen Fall wurde, einem mit der Diagnose »Schwere Persönlichkeitsstörung«, kann heute niemand genau erklären. Die Münchner Familientherapeutin Elisabeth Breit-Schröder hat festgestellt, dass fast alle Kinder in der Pubertät irgendwann einmal glauben, sie seien als Babys vertauscht worden. In psychiatrische Behandlung müssten sie deshalb noch lange nicht. »Bei dieser Symptomatik müssen in der Familie schon enorm viele Konflikte unbewältigt geblieben sein.« 

Stefanie Schmied ist 13, als sie anfängt, sich misstrauisch im Spiegel zu betrachten: Sie findet ihre Arme zu lang, ihren Körper zu dick. Sie wäre gern hübscher, gern jemand anders. Mit 14 beginnt sie zu hungern. Ihre Schulleistungen wechseln wie ihre Gemütslage. Die achte Klasse muss sie wiederholen. In der zehnten erhält sie die Empfehlung fürs Gymnasium. Mit 17 wiegt sie nur noch 35 Kilo. Die Mutter wird wütend, weil Nachbarn sie zunehmend auf das gespenstisch dünne Kind ansprechen. Aber sie unternimmt nichts, um ihrer Tochter zu helfen. Schließlich geht Stefanie selbst zum Arzt. »Mit mir stimmt was nicht«, sagt sie. Auf der Intensivstation des Krankenhauses wird ein Bett für sie vorbereitet. 

Zehn Jahre nach ihrem ersten Klinikaufenthalt ist sie ein hoffnungsloser Fall: Die Ärzte diagnostizieren Borderline, eine Persönlichkeitsstörung, zu deren Symptomen heftige Stimmungsschwankungen, Identitätsprobleme und wiederholte Selbstverletzungen zählen. Über Jahre erhält sie starke Beruhigungsmittel und andere Psychopharmaka. Sie erinnert sich an einen Sprung aus dem vierten Stock einer Klinik, an Notoperationen, in denen ihre zerschnittenen Arme zusammengeflickt werden, an Leute in weißen Kitteln, die sie am Bett festbinden, wenn sie ausrastet, und an Hauttransplantationen, die sie erhält, nachdem sie zwanzig brennende Zigaretten auf ihrem Handrücken ausgedrückt hat. Sie ist unfähig, die Ereignisse in eine zeitliche Reihenfolge zu bringen. 

Doch dann kommt der Tag, der Stefanie Schmied, inzwischen dreißig Jahre alt, ungeahnte Kräfte verleiht. Wieder einmal haben die Ärzte die Mutter zu einem Gespräch gebeten, auch der Vater, längst mit einer anderen Frau zusammen, wird eingeladen. Da geraten die Eltern in Streit. »Ich weiß ja nicht mal, ob das überhaupt meine Tochter ist!«, schimpft der Vater. Wie elektrisiert springt Stefanie auf. »Wie meinst du das?«, will sie wissen. 

Der Vater schweigt

»Hinter den meisten Testanfragen von erwachsenen Kindern stecken private Tragödien«, sagt Kirsten Thelen vom Wiesbadener I. D. Labor, »warum sonst sollten Zwanzig-, Dreißigjährige ihre genetische Abstammung anzweifeln?« Seit 1999 bietet das Unternehmen Vaterschaftstests für Privatkunden an. Im Januar 2001 wendet sich auch Stefanie Schmied an die Firma. 

Zu diesem Zeitpunkt ist sie nicht mehr in stationärer Behandlung. Es geht ihr gut. Sie hat eine eigene Wohnung, ist frisch verliebt. Und sie hat ein Ziel: herauszufinden, wer ihr Vater ist. Im Februar fährt sie mit ihrem Freund zu einem lange geplanten Familientreffen in den Taunus, im Gepäck die Laborunterlagen für einen Vaterschaftstests.

Die Zusammenkunft beginnt friedlich, fast feierlich. Die Mutter hat sogar Sekt kalt gestellt. Im Wohnzimmer wird der Ablauf des Abends besprochen. Vater, Mutter und Tochter unterschreiben, dass sie freiwillig an der Untersuchung teilnehmen. Stefanie hatte angekündigt, den Test notfalls gerichtlich zu erzwingen. Sie liest die Testanleitung vor und verteilt die steril verpackten Wattestäbchen: Jeder soll zwei davon nehmen und mit sanftem Druck an seiner Mundschleimhaut abstreifen. Als die Speichelproben später zum Trocknen ausliegen, holt die Mutter den Sekt. Sie lacht und beginnt gleich darauf zu schluchzen: »Du bringst mich noch ins Grab mit deiner Rechthaberei.«

Am Ende eines zermürbenden Abends liegen drei beschriftete Plastiktütchen in einem Kuvert. Stefanie schickt sie ans Labor. Zwei Wochen lang muss sie auf das Ergebnis warten.

»Ein bisschen neugierig war ich schon«, sagt Horst Schmied, der infrage gestellte Vater. »Aber nervös? Das nicht. Ich hatte ja nichts zu verlieren.« Ob er denn früher etwas geahnt habe? »Ich habe mir da schon Gedanken drüber gemacht. Stefanie sah ja ganz anders aus als die beiden Jungs, völlig aus der Art geschlagen. Aber dann kam die Scheidung. Von mir aus hätten wir den Test nicht machen müssen. Wozu, nach so vielen Jahren? Da hab ich lieber meine Ruhe.« 

»Das Problem ist, dass neue Technologien heute Tatsachen zutage fördern, die viele Eltern und Großeltern für immer verborgen glaubten«, sagt der Münchner Identitätsforscher Wolfgang Krauss - kommerzielle Vaterschaftstests sind inzwischen immerhin schon ab 300 Euro zu haben. Gleichzeitig wachse die Bedeutung der biologischen Herkunft für viele Menschen in dem Maße, wie andere Identitätskonzepte verloren gingen, der Beruf etwa oder soziale Bindungen. Wer in eine Gemeinschaft eingebunden ist, für den spiele die Abstammung eine eher untergeordnete Rolle. 

Stefanie Schmied ist lange Zeit arbeitslos, alle halbe Jahre wechselt sie ihren Wohnort, Freunde hat sie nur wenige. Sie will wenigstens wissen, wessen Kind sie ist. Als sie den großen, weißen Umschlag in ihrem Briefkasten entdeckt, bleibt sie ruhig - kein Zittern der Hände, kein Herzklopfen.

Sie öffnet das Kuvert, sofort wandert ihr Blick auf die fett gedruckten Buchstaben unter der Zahlentabelle: »Eine Vaterschaft ist offensichtlich unmöglich.« Irrtumswahrscheinlichkeit: »0,01 Prozent.« Viel mehr als dieses Ergebnis erschüttert sie die Erinnerung daran, wie oft ihr die Mutter zuvor beteuert hatte, vor ihrer Geburt habe es keinen anderen Mann gegeben. 

Stefanie bedrängt ihre Mutter am Telefon, ihr die Wahrheit zu sagen, Streit bricht aus. Eine halbe Stunde lang geht es hin und her. Dann erzählt die Mutter, dass sie zum Zeitpunkt von Stefanies Zeugung mit einem jugoslawischen Mann zusammen war, einem Friseur, der in der Nachbarschaft arbeitete und Svetjo hieß. An mehr könne sie sich nicht erinnern, beteuert die Mutter. »Das war eine einmalige Geschichte.« Ihre Mutter habe dann ins Telefon gebrüllt: »Wenn ich gewusst hätte, dass du von dem bist, hätte ich dich doch abgetrieben.« Später liegt eine Postkarte in Stefanies Briefkasten. Ohne Gruß, ohne Absender, die Handschrift der Mutter: »Schick mir den DNA-Test, ich habe ihn schließlich bezahlt!« Erst vor Gericht sehen sich die beiden wieder. In der Zwischenzeit sucht Stefanie nach ihrem leiblichen Vater. Sie wälzt Telefonbücher, fragt in Kneipen, Vereinen und Amtsstuben. Alle Versuche, einen Mann namens Svetjo zu finden, der vor 35 Jahren als Friseur in Königsstein im Taunus arbeitete, bleiben vergebens.

War es richtig, den Test zu machen? »Ich habe ja immer gefühlt, dass da was nicht stimmt«, wiederholt Stefanie Schmied. »Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich meinen Gefühlen trauen kann. Das ist viel, finden Sie nicht?« 

Nächstes Jahr, vielleicht übernächstes, will sie heiraten. Auch deswegen wollte sie eine neue Geburtsurkunde. Ihre Ehe, sagt Stefanie Schmied, soll nicht mit einer Lüge beginnen.