Opfer und Täterinnen
Beim Völkermord in Ruanda fachten auch Frauen die Gewalt gegen Frauen an

Von Brigitte Kols
 

Als "Land der Witwen" wird Ruanda heute oft beschrieben. Es war kein Krieg, sondern ein systematisch geplanter Völkermord, dem 1994 mindestens eine halbe Million Tutsi und gemäßigte Hutu zum Opfer fielen. Auch was mit Frauen während der vom Hutu-Regime angestifteten Massaker geschah und was einige von ihnen selbst taten, sprengt die Kategorien des gemeinhin Vorstellbaren.

Es war eine Frau, die britische Journalistin Lindsey Hilsum, die die unbequeme Wahrheit aussprach, dass Frauen beim Genozid zwar in der Mehrzahl Opfer, aber auch Täterinnen waren. Hilsum, von Amnesty International für ihre Fernsehdokumentationen aus Ruanda und Zaire (heute Kongo) ausgezeichnet und derzeit für "Channel Four" Berichterstatterin aus Bagdad, sprach mit den einen wie den anderen. Ihr Urteil: Frauen seien in Ruanda am Völkermord "auf allen Ebenen" beteiligt gewesen", einige hätten sogar "mit eigener Hand" getötet. Die Menschenrechtsorganisation African Rights brachte 1995 den umstrittenen Report "Wenn Frauen Killer werden" heraus. Junge Mädchen hätten als "Cheergirls" des Völkermords Mordkommandos angefeuert, Leichen geplündert oder gar Verwundete, etwa in Krankenhäusern, umgebracht, hieß es da.

Die Wahrheit ist schwer zu finden in Ruanda. Sie wird oft verdrängt, mischt sich mit denunziatorischen Lügen und Legenden. Studien gibt es heute zuhauf über die Ereignisse von 1994. Obwohl überwiegend Männer mordeten, stellte sich heraus, dass auch Frauen in den Völkermord verstrickt waren. Die Einbindung möglichst vieler in das blutige Geschehen war Teil der Genozid-Strategie, ein "einig Volk" der Täter und Mitläufer zu schaffen. Frauen haben Opfern auch geholfen, aber nicht jede war immun gegen die Hasspropaganda, die Genozide vorbereiten hilft.

Wer den Spuren der Frauen nachgeht, die "oben" planten und "unten" mitmachten, muss zunächst von der Mehrheit der Tutsi-Frauen sprechen, die Opfer geschürten Hasses wurden, auch wenn sie gestern noch gute Nachbarinnen von Hutu waren. In einer UN-Studie schwanken die Schätzungen der Zahl der Vergewaltigten zwischen 16 000 und 250 000. Andere vermuten noch weit mehr Opfer. Es gab Einzel- und Gruppen-Täter. Vielfach verstümmelten sie die Sexualorgane der Frauen anschließend mit Macheten, Messern, kochendem Wasser oder gar Säure, berichtet die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Einige Frauen wurden gleich getötet, andere in "erzwungenen Heiraten" als sexuelle Sklavinnen von Einzelnen oder Gruppen weiter gequält. "Vergewaltigung war eine Waffe des Genozids, ebenso brutal wie die Machete," kommentierte der Guardian die Aussage einer Frau, die ein Jahr im Krankenhaus lag, nachdem sie von mehr Männern der Interahamwe-Todesschwadrone vergewaltigt worden war, als sie zählen konnte. Als sie ein Kind gebar, sagten ihr die Ärzte, sie sei HIV-positiv. In Ruanda, schlussfolgert der Reporter, könnten zehntausende Waisenkinder heranwachsen, die ihren Vater durch die Machete der Völkermörder und ihre Mutter durch Aids verloren haben.

Vergewaltigung zur Erniedrigung von Frauen und als tödliche Aids-Waffe im Genozid - reine Männersache? Es klingt unglaublich, aber in Ruanda soll ausgerechnet die Familien- und Frauenministerin Pauline Nyiramasuhuko dies als Kommandosache angesehen und Hutu-Extremisten dazu angestiftet haben. Sie steht derzeit vor dem UN-Tribunal in Arusha - als erste Frau überhaupt, die vor einem Internationalen Gerichtshof angeklagt ist wegen der Verbrechen der Vergewaltigung und des Völkermords, für die Männer ihr als "Werkzeug" dienten. Zeuginnen haben sie vor dem Tribunal just in diesem Februar beschuldigt, Nacht für Nacht unter Tutsi-Flüchtlingen in der Präfektur von Butare die Auswahl der zu ermordenden Männer und der zu vergewaltigenden Frauen beaufsichtigt zu haben. In einer im Internet zu lesenden Zeugenaussage heißt es, die aus dem Schlaf gerissenen Opfer hätten ihre Kleider ablegen müssen. Sie seien auf einem Toyota-Pickup in einen nahen Wald transportiert worden, wo die Männer ebenso wie die Frauen, die sich der Vergewaltigung widersetzten, mit Macheten und nagelbesetzten Schlagstöcken getötet wurden. Es seien mehrmals in einer Nacht Opfer abgeholt worden. Jeden Tag seien weniger Flüchtlinge in der Präfektur gewesen. Eine andere Zeugin sagte, die Ministerin habe Hutu-Milizionäre aufgefordert, Tutsi-Frauen und -Mädchen zu vergewaltigen, die sich zuvor geweigert hatten, sie zu "heiraten".

Die Ex-Ministerin, die in Interviews behauptete, sie könne "kein Huhn töten", steht vor Gericht. Agathe Habyarimana, die Witwe des Hutu-Präsidenten, dessen Tod beim Abschuss seines Flugzeugs über Kigali den Völkermord auslöste, ist nicht angeklagt. Die Frau, die als mutmaßliche Drahtzieherin des Mordens "Lady Macbeth von Ruanda" genannt wird, floh erst nach Frankreich, dann nach Kenia und Gabun. Sie wollte angeblich einem Verteidiger als Zeugin vor dem Tribunal zur Verfügung stehen. Dazu kam es nie.

Die Hutu-Extremisten, die von Agathe Habyarimanas Genozid-Keimzelle "Akazu" (das kleine Haus) lange vor dem mörderischen Losschlagen in Stellung gebracht worden waren, hatten "zehn Gebote" aufgestellt, getränkt von "ethnischem Hass". Darin hieß es etwa: "Jeder Hutu sollte wissen, dass unsere Hutu-Töchter in ihrer Rolle als Frau, Ehefrau und Familienmutter besser geeignet und gewissenhafter sind." Die Eifersucht unter Tutsi- und Hutu-Frauen zu schüren, sei ein wichtiges Element der Propaganda gewesen, schreibt Lindsey Hilsum. Die Tutsi-Frauen galten angeblich auch Hutu-Männern als attraktiver. In den 80er Jahren zum Abbau "ethnischer Spannungen" geförderte Mischehen (zumeist heirateten Hutu-Männer Tutsi-Frauen), waren in den 90ern wieder Zielscheibe der Medien, die zum Rassenhass aufstachelten. Der Völkermord hat viele dieser Familien mit "gemischten Kindern" zerstört und in besonderer Weise zu Opfern gemacht.

Im "Land der Witwen" teilen sich heute in Gebieten der schlimmsten Völkermord-Exzesse oft mehrere Frauen einen Mann. Kwinjira heißt das Männer-Sharing, Aidsgefahr und neue Rivalitäten inbegriffen. Auf Ruandas Weg in die Zukunft lastet für Generationen die Vergangenheit.

07.03.2003
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