"Sie hat mich fast zu Tode gebracht"

Von der eigenen Frau fertig gemacht? In Berlin gibt es ein Haus, das misshandelten Männern Hilfe gewährt

Barbara Richter

Bei einer Dienstreise nach Bayern lernte er sie kennen. Robert, 30, war angehender Physiker, Maria, gerade 18, hatte vor, ihr Abitur zu machen. Aus Sympathie wuchs Freundschaft, für Liebe war die Zeit zu kurz. Zurück in Berlin keimte bei dem feinsinnigen, weltoffenen, intelligenten Mann Sehnsucht auf. Er lud Maria über die Sommerferien zu sich ein. Sie sollte seine Stadt kennen lernen, vielleicht hier sogar einen Studienplatz finden.

Sie kam gern und blieb länger als geplant. Das Abitur laufe ihr nicht weg, aber vielleicht seine Liebe, scherzte sie. Kurz bevor sie wieder fuhr, flüsterte sie ihm zu, dass sie guter Hoffnung sei. Der stets überlegt handelnde Robert aus gutem bürgerlichen Haus staunte zwar ein wenig, zögerte jedoch nicht, ihr daraufhin die Heirat anzutragen. Maria nickte und fuhr in ihr bayerisches Mindelheim zurück, um ihre Familie zu informieren und die nötigen Papiere zu besorgen. Sie kündigte ihr bisheriges Leben auf und kam nach wenigen Monaten ohne Abitur, aber hochschwanger wieder. Die beiden heirateten in aller Stille, und kurz darauf kam David zur Welt. Robert, der vermeintliche Vater, erlebte tief ergriffen die Geburt mit. Dass sie sich viel zu schnell ereignete, fiel dem naiven, tief in seine elektronischen Programme verstrickten Mann nicht weiter auf.

Aus dem erhofften Studium für Maria wurde nichts. Denn ein gutes Jahr nach David wurde Roberta geboren. In der besinnlichen Zeit des Stillens begann Marias Verwandlung, so als hätte sie mit dem zweiten Kind ihr moralisches Bleiberecht in der wohlhabenden Familie ihres Mannes ausreichend abgesichert. Von nun an ging sie nach dem Frühstück hinüber zur Nachbarin und kam gegen Mittag beschwipst zurück. Sie muss sich mit dem zweiten Kind erst eingewöhnen, dachte Robert, kümmerte sich um Kinder und Haushalt und verlegte seine Arbeitszeit in den Abend. Roberta konnte noch nicht laufen, als die Frau etwas trotzig meinte, sie wolle nun auch endlich arbeiten gehen. Sie suchte nicht lange, sondern nahm kurz entschlossen eine Putzstelle an. Nicht gerade das, was Robert und ihren Schwiegereltern vorschwebte. "Wenn es ihr Spaß macht .", verteidigte sie ihr Mann.

Maria kam später von der Arbeit als vorgesehen, und oft kam sie angetrunken. Sie verabredete sich hier und dort, Robert war abends oft allein mit den Kindern und verlegte seine Arbeitszeit von nun an mehr in die Morgenstunden. Wenn die beiden nicht gewesen wären, hätte er manches infrage gestellt. Was ihm am meisten zu schaffen machte, war Marias weit hergeholte Eifersucht, die sich zuerst nur latent, dann aber immer rabiater zeigte, so als hätte sie Rechtfertigungen oder Gründe für ihre eigenen Abenteuer nötig.

Sie machte ihm Vorwürfe, wenn er länger in der Firma zu arbeiten hatte, blätterte hinter seinem Rücken in seinem Terminplaner, suchte seine Taschen durch. Sie wurde laut und ordinär - weit unter dem Level, auf dem Robert zu diskutieren gewohnt und bereit war. Er wehrte sich nicht dagegen, verbat sich ihre Unterstellungen nicht, sondern stand solchen Momenten hilflos und irritiert gegenüber. Meist zog er sich wortlos an seinen Computer zurück.

Sobald sie getrunken hatte, suchte sie Streit. Sie wurde lauter und ordinärer, und ihre weinerlichen Gelübde zur Besserung waren Schall und Rauch. Als die Kinder etwas größer waren und zu begreifen begannen, verließ er mit ihnen die Wohnung, sobald Maria nach Alkohol roch.

Es war an einem Herbsttag. Er hörte das Knallen der Korridortür und gleich darauf viel zu heftige, unsichere Laute aus der Küche. Er nahm die Kinder, zog sie an und sagte der Frau, die sich lauernd am Türpfosten hielt, er gehe eine Kollegin besuchen. Maria, angefacht in ihrer vernebelten Wut, geriet außer sich. "Diese Schlampe! Mit meinen Kindern zu der! Wer weiß, wie oft du mit der schon im Bett warst, du Schwein!" Die Kinder duckten sich. Der Mann nahm sie an die Hand und wandte sich zur Tür. Maria verschwand in der Küche und kam mit einem Messer in der Hand zurückgestürzt. Als sich der Mann umwandte, stieß sie es ihm ins Gesicht.

Die Nachbarn, vom Schreien der Kinder alarmiert, stürzten hinzu. Sie sahen den vor Schmerz geduckten, blutenden Mann, versuchten, die geifernde Frau zu bändigen, riefen in höchster Erregung die Polizei. Sechs Streifenwagen und eine Ambulanz rückten an. Robert wurde notversorgt und anschließend in eine Klinik gebracht. Ein Auge war schwer verletzt. Die Frau wurde von der Polizei befragt. Familiäre Streitigkeiten? - So etwas passiert in den besten Familien. Das war alles. Was hätten die Beamten auch glauben sollen beim Anblick des einszweiundneunzig Meter großen Mannes und der zierlichen, vierzig Zentimeter kleineren Frau.

Am nächsten Tag berichtete die Lokalpresse genüsslich in Wort und Bild über die "blutige Messerstecherei" in der Wohnung des jungen, hoffnungsvollen Wissenschaftlers.

Robert R., der über den außergewöhnlich hohen IQ von 153 verfügt und elf Sprachen beherrscht, rutschte plötzlich und unaufhaltsam in eine Welt, die er nicht kannte, die er verabscheute und die ihn mit dem Stempel des Asozialen versah. Marias Attacken häuften sich. Sie zerschmetterte einen Keramikteller auf seinem Kopf, ging mit einem Fleischerbeil auf ihn los. Die Polizei war oft zu Gast im Hause R. In den Vernehmungen beschuldigte Maria ihren Mann, sie angegriffen zu haben, behauptete, er wolle die Kinder entführen. Gefundenes Fressen für die Journaille und tödlich für Roberts verheißungsvolle Karriere.

Sich zu wehren, diese Idee erschien ihm absurd. Sollte er, der viel Größere, Stärkere, die kleine Frau vielleicht schlagen? Und das vor den Augen der Kinder? Abwegig, der Gedanke! "Ich verstand das alles nicht. Wir waren gebildete, zivilisierte Menschen, wir liebten uns. Wir mussten uns doch verständigen können." Aber es funktionierte nicht. Und es gab niemanden, mit dem er über seine Probleme sprechen konnte, ohne als Waschlappen oder psychiatrischer Fall abgestempelt zu werden. Er musste sich selber helfen, musste der Frau Einhalt gebieten. Beim nächsten Mal zeigte er sie wegen Körperverletzung an.

"Die Beamten sahen mich merkwürdig an, erstaunt und ein bisschen belustigt. Sie nahmen ein Protokoll auf, erkundigten sich eher pflichtgemäß, reagierten ironisch mit vielen Ahas und Sosos. Sie machten ihren Job, aber sie glaubten mir nicht. Der Staatsanwalt teilte mir mit, dass das Verfahren wegen nichtöffentlichem Interesse eingestellt wird. Das passierte dreimal."

Immer wieder versuchte er, mit seiner Frau zu reden. Seine Argumente nervten sie. Sie nahm die beiden Kinder, die inzwischen eingeschult waren, verließ die gemeinsame Wohnung und kam mit einer Freundin in einem Neubaublock unter. Die Nachbarn berichteten von wilden Partys, betrunkenen Männern und weinenden Kindern.

Robert fühlte sich verantwortlich, besuchte sie, brachte zu essen mit, holte die Kinder ab. Die kleine Tochter flüsterte ihm schluchzend zu: "Papa, du gibst mir niemals Sabberküsse, nein?" Die Vorstellung, die sich mit dieser flehentlichen Bitte verband, machte ihn krank. Mit seiner Frau war darüber nicht zu reden.

Die Schule beklagte Auffälligkeiten der Kinder: Roberta komme oft ungekämmt, schmutzig und müde zum Unterricht. David bleibe der Schule häufig fern. Das Jugendamt schaltete sich ein. Ohne den Vater zu konsultieren wurden beide Kinder ins Heim gebracht.

Robert wandte sich an einen Anwalt, um das Sorgerecht zu erwirken. Das Gutachten zum Sachverhalt war niederschmetternd. Er mache einen unentschlossenen, willenlosen Eindruck, ungeeignet zur Erziehung der Kinder. Am Ende empfahl man ihm eine Psychotherapie.

Zwei Jahre später wurde das Ehepaar geschieden. Bis zu diesem Zeitpunkt verfügte Maria über das Konto ihres Mannes und hob große Summen ab. Wieder allein, war er psychisch total erschöpft, finanziell ruiniert und in seiner Firma gerade noch geduldet. Ein körperlich und seelisch abgewrackter Mann.

Über die Telefonseelsorge gelangte Robert R. an einen Mann in ähnlicher Lage. Der empfahl ihm den Kontakt zum Männerhaus. Horst Schmeil, Leiter des Hauses, bot sofort Unterkunft und Hilfe an. Zum ersten Mal erfuhr Robert in seiner verzweifelten Situation verständnisvolle und sachkundige Beratung. Er traf auf eine Solidargemeinschaft Betroffener und war mit seinen Problemen nicht mehr hilflos öffentlicher Ignoranz, gesellschaftlicher Herabsetzung und behördlicher Interessenlosigkeit ausgesetzt.

Das Berliner Männerhaus, bisher einzig in seiner Art und Ausrichtung in Deutschland, existiert seit 1995 und hat bisher etwa tausend Männer aufgenommen oder ambulant betreut. Das Reihenhaus liegt in einer grünen Wohnsiedlung im Stadtteil Spandau. Kinder spielen auf dem verkehrsbefriedeten breiten Mittelweg, kleine, naturbelassene Vorgärten vermitteln den Eindruck von Wohlgefühl und familiärer Friedfertigkeit.

Innen wirkt das Haus wie ein freundlich bewohntes Refugium, in dem niemand so recht Zeit oder Lust zum Putzen hat. Ein kleiner Korridor führt in einen großen Wohnraum mit weiträumiger runder Sitzecke, einem Esstisch mit Stühlen und mehreren Schränken und Vertikos, auf denen sich lose Blätter, Zeitungen und Aktenordner häufen. An der einen Seite schließt sich eine Küche an, die andere mündet in einen kleinen verwilderten Garten.

Vier schlicht eingerichtete Räume im ersten und zweiten Stock nebst einem Gemeinschaftsbad bieten insgesamt acht Personen zeitweilige Wohnmöglichkeit. Auch einige Kinderzimmer sind vorhanden. Horst Schmeil hat sich sein Büro mit Bett ganz oben unter dem Dach eingerichtet. Gemeinsam mit dem "Männerbüro Berlin", einer Hilfsorganisation für Männer in Krisensituationen, fasste er den Entschluss, sein Privathaus als Unterkunft und zur Betreuung und Beratung für Männer zur Verfügung zu stellen, die in ihren Ehen und Partnerschaften von physischer und psychischer Gewalt bedroht sind.

Ein solches Hilfsangebot fehlte bisher nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland, weil nach offizieller Lesart die Zahl männlicher Opfer häuslicher Gewalt so gering ist, dass sie statistisch nicht ins Gewicht fällt. Auch eine wissenschaftlich begleitete Untersuchung innerhalb der Polizeidirektion sieben in Berlin, wonach 28 Prozent aller Tatverdächtigen bei häuslicher Gewalt Frauen sind, änderte nichts an dieser Sicht. Alle Bemühungen zur finanziellen Unterstützung des Männerhauses verliefen bis heute im Sande.

Genau zu diesem Zeitpunkt trat Horst Schmeil auf den Plan, der kurz zuvor den inzwischen bundesweit agierenden Verein "Väteraufbruch für Kinder" in Berlin gegründet hatte. Selbst Gewaltopfer, von seiner Frau mehrfach tätlich angegriffen, von ihr des sexuellen Missbrauchs der Tochter bezichtigt, mit Ermittlungsverfahren und Umgangsverboten traktiert, schließlich freigesprochen, aber finanziell ruiniert und moralisch kompromittiert, wollte der arbeitslose Sozialpädagoge mit seinem großzügigen Angebot ein Zeichen setzen und denen helfen, die die gleiche vernichtende Erfahrung gemacht hatten wie er. "Wenn eine Familie auseinander bricht und wenn die Kinder verloren gehen, bricht dem Mann das Leben weg", sagt der 51-Jährige.

Das Haus mit seinen therapeutischen und juristischen Angeboten hat sich bewährt. Die zeitweiligen Bewohner haben sich darauf verständigt, dass sie ihre Miete und einen Teil der Unkosten selbst tragen, sofern sie dazu in der Lage sind.

Mittwoch halb acht Uhr abends. Der große Wohnraum füllt sich langsam. Auf dem runden Tisch stehen Kaffeetassen. Jemand bringt frischen Kuchen mit. Die meisten Männer kennen sich schon. Ein paar neue stehen ein wenig unschlüssig herum, werden jedoch sogleich ins Gespräch gezogen. Berührungsangst vergeht hier schnell. Draußen im Garten stehen noch etliche Raucher herum. Horst Schmeil klopft an die Kaffeetasse, die Gesprächsrunde ist eröffnet.

In gewisser Weise ähneln sich hier alle ein wenig. Nicht äußerlich, nein, eher in der hilflosen, sensiblen, ausgelieferten Art, in der sie ihr Schicksal schildern. Peter Thiel (41), Initiator des "Männerbüros Berlin" und psychologischer Berater hier im Männerhaus, erklärt es so: "Diese Männer sind an Frauen geraten, für die sie die geeigneten Opfer abgeben. Viele von ihnen sind Akademiker, sie sind gebildet, gutmütig, friedfertig, liebesbedürftig und leidensfähig. Und überaus kinderlieb. Ihre Frauen werden um so angriffslustiger, je weniger Gegenwehr sie erfahren. Ihr letztes, vernichtendes Mittel ist der oft mit Gefälligkeitsgutachten betriebene Entzug des Kindes. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie ihre Opferrolle in einem jahrzehntelangen Kampf öffentlich festschreiben konnten. Und Zweifel daran gelten inzwischen als sittenwidrig."

Mit gewissen Hoffnungen sehe er einer von der Bundesregierung veranlassten Pilotstudie entgegen, deren Untersuchungsergebnisse über Gewalt gegen Männer Ende nächsten Jahres vorliegen sollen, sagt Peter Thiel.

Es sind nicht nur Berliner, die sich zur Mittwochsrunde einfinden. Auch Auswärtige kommen. In ihrer Not sind sie per Internet an Peter Thiel und von dort zum Männerhaus gelangt. "Es ist das Gefühl, unter Schicksalsgenossen zu sein, von denen jeder dem anderen hilft. Das bringt einem nach der jahrelangen inneren Isolation das Gefühl zurück, Mensch zu sein. Was meinen sie, wie oft wir hier lauthals lachen, auch über uns selbst", sagt der 55-jährige Gerd H. aus dem Emsland, der von seiner Frau aus der Ehe gemobbt wurde. Jahrelang hatte sie ihn psychisch drangsaliert und finanziell ausgeraubt, hatte seine Zwangseinweisung in die Psychiatrie betrieben und ihm das Umgangsrecht mit der Tochter entzogen. Ohne Arbeit und mit einem riesigen Schuldenberg fand er für ein Jahr Zuflucht im Berliner Männerhaus. Inzwischen fühlt sich der Wirtschaftsdezernent wieder in der Lage zu leben. Zurzeit kämpft er um das Umgangsrecht mit seiner Tochter.

Robert R. kommt nur noch selten ins Männerhaus. Er, der das Leben schon aufgegeben hatte, ist aus dem sozialen Sumpf, seinem beruflichen Fiasko, endlich wieder auf der glücklichen Seite des Lebens gelandet. Allein hätte er es nicht geschafft, gibt er zu. Er hat eine neue Frau, sie wohnen in einem schönen Haus mit großem Garten am Rande der Stadt. Mit ihrer Hilfe ist es ihm gelungen, Roberta aus dem Heim zu holen. Maria, total dem Alkohol verfallen, kümmerte sich kaum noch um sie. Auch seine aufgebürdete falsche Vaterschaft für David konnte er mit einem Test korrigieren.

Roberta ist inzwischen vierzehn. Zu Hause bei ihrem Vater ist das in sich gekehrte, kränkelnde Mädchen aufgeblüht. Sie hat sich zu einer musisch hoch begabten Schülerin entwickelt, die mit Leidenschaft Saxofon spielt. Von ihrer Mutter spricht sie nicht mehr. Vor kurzem hat sie die Familienfotos gesichtet und alle Bilder von ihr aussortiert. Mit Ausnahme eines einzigen - auf dem hält Maria das kleine Mädchen lachend in ihren Armen.
 

22.11.2003
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/magazin/295100.html