Eine "Verdiente Ärztin des Volkes" und viele tote Patientinnen

Geraer Staatsanwälte ermitteln gegen 88-Jährige, die im Dritten Reich an Euthanasie-Verbrechen beteiligt gewesen sein soll

Eine in Jena hoch angesehene Medizin-Professorin wird beschuldigt, an der Ermordung von 159 Frauen beteiligt gewesen zu sein, die nach 1940 in der psychiatrisch-neurologischen Abteilung des Krankenhauses im thüringischen Stadtroda untergebracht waren. Offizielle Stasi-Untersuchungen vor 40 Jahren blieben ergebnislos. Seit drei Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Gera.

Von Bernhard Honnigfort (Dresden)

 
"Ich finde es entsetzlich, dass sich die Ermittlungen so lange hinziehen", schimpfte Anfang des Monats Jürgen Haschke, der Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Thüringen. "Das Ganze interessiert offensichtlich niemanden mehr." Das Ganze, das sind schreckliche Verbrechen, an denen die heute 88-jährige Medizinerin Rosemarie Albrecht zwischen 1940 und 1942 beteiligt gewesen sein soll.

Damals, nach Angaben der Geraer Staatsanwaltschaft ist das unstrittig, war die Frau Assistenzärztin in der Thüringer Landesheilanstalt Stadtroda und in das mörderische Euthanasieprogramm der Nazis verstrickt. Zwischen Mai 1940 und Mai 1942 leitete die Assistenzärztin die psychiatrisch-neurologische Frauenabteilung. Nach bisherigen Ermittlungen starben während der zweijährigen Dienstzeit von Rosemarie Albrecht 159 Patientinnen.

Der Stasi-Beauftragte Haschke zeigte die Frau im März 2000 bei der Staatsanwaltschaft an, nachdem er in Stasi-Unterlagen auf den Vorgang "Ausmerzer" gestoßen war, einen Aktenberg aus den Jahren 1964 und 1965. Damals hatte das Ministerium für Staatssicherheit, angeregt durch Anfragen aus der Bundesrepublik an die DDR, Untersuchungen wegen der Ermordung von Psychiatrie-Patienten während des Dritten Reiches angestellt und war dabei auch auf den Namen der Jenaer Medizinerin gestoßen. Zu DDR-Zeiten wurden die Ermittlungsakten jedoch bald wieder geschlossen und die Sache geheim gehalten. Es wäre peinlich geworden: Die Ärztin aus der Nazizeit hatte in der DDR längst Karriere gemacht. Rosemarie Albrecht war nicht nur Professorin und Leiterin der Hals-Nasen-Ohrenklinik, sondern auch Dekanin der Medizinischen Fakultät der Uni Jena geworden. Die DDR hatte sie als "Verdiente Ärztin des Volkes" ausgezeichnet.

Ob sie angeklagt wird, ist noch offen. Wenn ja, wäre es der erste Euthanasie-Prozess in Thüringen und vermutlich auch der letzte aus der Nazizeit in Deutschland. Zwar hatte die Staatsanwaltschaft im Mai 2000 mitgeteilt, es gebe "gewichtige Hinweise", dass "elf Kinder und vier erwachsene weibliche Patienten, die unterschiedlich schwer ausgeprägt geistig/körperliche Behinderungen aufwiesen, eines nicht natürlichen Todes gestorben sind". Aber die Ermittlungen sind nicht einfach: "Wir müssen ein großes Puzzle zusammensetzen", sagt Oberstaatsanwalt Thomas Villwock. Er weist den Vorwurf Haschkes zurück, der Fall interessiere niemanden mehr. Die Nachforschungen seien "verdammt schwierig", weil es keine Zeugen gebe, nur Krankenakten, so Villwock. Es müsse nachgewiesen werden, dass Medikamente, verabreicht oder weggelassen, zum Tode einer Patientin führten. Die Staatsanwaltschaft warte auf ein abschließendes medizinisches Gutachten aus Berlin.

Rosemarie Albrecht selbst will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Ihr Koblenzer Anwalt teilte mit, sie wolle keine Fragen von Journalisten beantworten, es sei denn, man verspreche ihr einen "sehr objektiven Bericht", in dem beispielsweise die "zeithistorischen Umstände damals" berücksichtigt würden oder aktuelle Entwicklungen wie die Debatte über Sterbehilfe in den Niederlanden.
 

16.04.2003
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=195284