Keine Erinnerung an die tödlichen Stiche

Weidenhausen/Siegen. (wp) "Ich hab sie immer lieb gehabt und liebe sie immer noch." Unter Tränen sagt das jener Mann, der am 15. Mai diesen Jahres in Weidenhausen die 26 Jahre alte Miriam D. mit zwölf Messerstichen getötet hat. Seit gestern muss sich der 41-jährige Francesco C. vor dem Siegener Schwurgericht für dieses schreckliche Verbrechen verantworten.

An den eigentlichen Tathergang, der nach Zeugenaussagen nur wenige Minuten gedauert haben soll, will sich der Angeklagte nicht mehr erinnern können. Er beschrieb gestern ausführlich die eheähnliche Beziehung, die er gut zwei Jahre - bis Frühjahr 2002 zu Miriam D. unterhalten habe. Doch ohne Reibereien ging diese gemeinsame Zeit in der Wohnung im Weidenhäuser Eschenweg nicht ab. Es habe immer mal Auseinandersetzungen gegeben, meist mit Worten, erklärte "Franco" gestern der 2. großen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Friedhelm Glaremin.

Der ließ dem Angeklagten ausreichend Zeit für seine Schilderungen. Wenn Miriam ohne den Einfluss einer bestimmten Bekannten gewesen sei, "lebten wir wie eine richtige Familie", sagte er. Aber das war wohl nur äußerlich so. Wegen Körperverletzung und Beleidigung hatte Miriam ihren italienischen Freund, von dem sie vor zwei Jahren ein Kind bekam, bei der Polizei angezeigt; den Strafantrag aber später widerrufen.

Staatsanwalt Manfred Lischeck mutmaßte gestern: Möglicherweise hatte die junge Frau Angst vor dem Italiener, von dem sie Anfang diesen Jahres endgültig nichts mehr wissen wollte, der allerdings nach eigenen Angaben die Kinder über alles liebte und sie nicht verlieren wollte.

Warum fuhr Francesco C. nun an jenem frühlingshaften Mittwoch im Mai von seiner mittlerweile in Berleburg bezogenen Wohnung nach Weidenhausen? Warum stellte er seinen roten Scirocco neben dem Feuerwehrhaus ab und beobachtete Miriam von dort aus beim Autoputz? Warum hatte er ein Klappmesser bei sich?

Fest steht nach dem ersten von vier angesetzten Verhandlungstagen, dass Ingo S., ein Mitbewohner des Hauses Nr. 3 im Eschenweg, mit Miriam noch wenige Minuten vor der Tat gesprochen hat. "Sie wollte sich eine Verlängerungsschnur bei mir leihen, um das Auto zu saugen." Aber Mirjam klopfte nicht mehr - wie vereinbart - an der Wohnungstür. Ingo S. hörte ganz andere Geräusche: "Es war ein fürchterlicher Streit im Hausflur. Es ging wohl um ein Kind oder ums Sorgerecht", erinnerte sich gestern der Zeuge. "Sie sagte, er solle endgültig verschwinden. Dann hörte ich einen schrecklichen Schrei, Hilferufe. Als es darauf einen dumpfen Schlag gegen meine Wohnungstür gab, wusste ich, da ist was Furchtbares passiert." Sekunden später öffnet Ingo S. die Tür.

Gestern sagte er: "Rechts lag ein Messer. Er hielt sie im Arm, sie kam mir entgegengefallen. Er murmelte so etwas wie, ,ich habe zugestochen. Warum hast du mir das angetan? Ich hab dich doch geliebt...´"

Der Nachbar rief die Polizei, versuchte Wiederbelebung, legte Verbände an, doch Miriam D. war zu diesem Zeitpunkt wohl schon innerlich verblutet. Ihrer achtjährigen Tochter ist das schreckliche Geschehen von der Treppe aus nicht erspart geblieben. "Der Franco hatte Messer", habe sie Minuten später einer weiteren, ebenfalls durch den Lärm und die Schreie aufgeschreckten Hausbewohnerin erzählt.

Mehrmals brach der Angeklagte ("Es tut mir Leid, was passiert ist") gestern in Tränen und heftiges Schluchzen aus, was Staatsanwalt Lischeck veranlasste, an Betroffene zu denken: "Einen Anlass, Tränen zu vergießen, haben die Kinder und Eltern."

Miriams Eltern sitzen mit gesenktem Kopf als Nebenkläger im Gerichtssaal.
23.10.2002    Von Christoph Vetter
 

Donnerstag, 24. Oktober 2002
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