Konflikte / Mediatoren vermitteln bei Streit und Trennung
Reden statt schreien oder schweigen

Fachleute helfen, friedlichere Lösungen bei Scheidungen zu finden

Was in den USA bereits ein etablierter Beruf ist, setzt sich in Deutschland erst allmählich durch: Mediation. Diese Fachleute vermitteln überall dort, wo es Konflikte gibt, etwa in Schulen, Betrieben und Ehen. Miteinander reden statt schreien oder auf stur schalten, ist ihr Ansatz.

CHIRIN KOLB

Wenn Jürgen Witschen über seinen Beruf als Mediator spricht, blickt er oftmals zuerst in ratlose Gesichter. Mediator. Damit können die wenigsten etwas anfangen. "Viele denken, das hat mit Meditation zu tun'', sagt er. Ganz und gar nicht, erklärt er dann. Mediation kommt aus dem Englischen und bedeutet Vermittlung. Die Mediatoren sind gelernte Anwälte, Pädagogen oder Psychologen mit einer Zusatzausbildung, die als Vermittler in Konfliktsituationen arbeiten. Ein Beispiel: Die hessische Landesregierung hatte im Streit um den Ausbau des Frankfurter Flughafens Mediatoren eingesetzt, die sich jetzt nach eineinhalbjähriger Arbeit für die Erweiterung ausgesprochen haben.

In solche Dimensionen stoßen die Mediatoren in Ulm freilich nicht vor. Ihre Hilfe ist in erster Linie bei Scheidungen gefragt. Bei den herkömmlichen Trennungsverfahren kommunizieren häufig nur noch die Anwälte, das Ehepaar redet entweder gar nicht mehr miteinander oder schreit sich nur noch an. Diese Erfahrung hat die Sozialpädagogin Renate Kögel gemacht, die lange in der Trennungs- und Scheidungsberatung gearbeitet hat. "Es tut richtig weh zu sehen, wie Leute, die sich mal geliebt haben, am Ende alles kaputt schlagen'', sagt sie. Darunter leiden nicht nur die ehemaligen Partner, sondern auch die Kinder.

Wächter-Funktion

Die Arbeit der Mediatoren ist es nun, die Ex-Partner wieder miteinander ins Gespräch zu bringen mit dem Ziel, auf die Familie zugeschnittene Lösungen für eine Trennung zu finden, die allen Beteiligten gerecht werden. Dazu zählen Vermögensaufteilung, Unterhalt, Sorgerecht und Besuchsregelungen. "Wir sind Wächter in einem Prozess, bei dem die Beteiligten die Themen vorgeben'', erklärt Witschen, der seit einem Jahr in diesem Beruf arbeitet.

Beim ersten Treffen erklärt der Mediator seine Vorgehensweise. In manchen Fällen ist danach bereits wieder Schluss. "Mediation eignet sich nicht für jeden'', sagt Renate Kögel. Denn Voraussetzung sei, dass die früheren Partner bereit sind, dem anderen zuzuhören, mit ihm zu reden und Kompromisse zu schließen. Wer nur stur auf seine gesetzlich geregelten Rechte pocht, ohne zu überlegen, ob sie in seinem Fall überhaupt sinnvoll sind, sei bei einem Anwalt besser aufgehoben.

Wollen die Ehepaare aber einen Mediator zu Rate ziehen, sind in der Regel fünf bis zehn Sitzungen nötig, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Die Gespräche beginnen damit, dass jeder der Partner die für ihn wichtigen Konflikte aufzählt. Jeder ist gleichberechtigt, jeder kommt gleichermaßen zu Wort - höchst schwierig für viele. Die Gespräche drohen häufig in Streit auszuarten, was der Mediator als Moderator verhindert. Miteinander reden will erst wieder gelernt sein.

"Der ist schuld, das sehen Sie doch auch so?'' ist ein Satz, den Kögel und Witschen oft hören. "Wir lassen uns aber nicht auf eine Seite ziehen'', betont er. Als Schiedsrichter verstehen sie sich nicht.

Am Ende steht schließlich ein Vertrag, den die Richter akzeptieren. Langwierige - und zum Teil kostspielige - Gerichtsverfahren können so abgekürzt werden. Freilich ist auch die Mediation nicht kostenlos. Zwischen 100 und 200 Mark pro Stunde verlangen die professionellen Vermittler. Fünf Kollegen kennen der Ulmer Jürgen Witschen und die Langenauerin Renate Kögel in der Region: Leonore Rüb (Neu-Ulm), Hannelore Cancian (Illertissen), Barbara Filchner (Ulm), Cornelia Leibinger (Ulm) und Dr. Günter Fischer (Ulm). Leben kann freilich noch keiner von diesem Beruf. Die Sozialpädagogin Renate Kögel zum Beispiel arbeitet in der Familien- und Jugendberatung, der Pädagoge Jürgen Witschen ist Hausmann.

Auch Schüler vermitteln

Einige Mediatoren bieten neben der Trennungsberatung Kurse in Schulen an, in denen Schüler lernen, zu vermitteln. Ein solches Projekt gibt es etwa an der Albrecht-Berblinger-Hauptschule. Ob Scheidung oder Streit in der Schule, Prinzip und Ziel der Mediation bleiben gleich. Über den Einzelfall hinaus haben die Mediatoren einen Traum: "Wenn sich dieses Vorgehen verbreitet'', sagt Renate Kögel, "könnte sich die Kultur des Miteinanders in unserer Gesellschaft verändern.''
 
 

Samstag, 04.März 2000
Südwest Presse Online