PROZESS / Vater wegen Kindesentziehung zu Bewährungsstrafe verurteilt

16 Monate auf der Flucht

Per Internet machte Mutter ihre Tochter in Mexiko ausfindig

16 Monate lang hielt Wilfried Hartnagel seine kleine Tochter Sandra in Amerika vor deren Mutter versteckt, die über das alleinige Sorgerecht verfügt. Gestern wurde er vom Amtsgericht Tübingen wegen vorsätzlicher Kindesentziehung zu zwei Jahren Bewährungsstrafe verurteilt.

RAIMUND WEIBLE

TÜBINGEN· Szenen einer Nicht-Ehe im Saal 36 des Amtsgerichts Tübingen. Mit hochrotem Kopf hört sich Ines K die letzte Erklärung ihres langjährigen Partners vor dem Urteil an. Nach fünf Minuten flüstert sie ihrer Anwältin zu: "Ich halt' das nicht mehr aus!" Sie erhebt sich, eilt aus dem Gerichtssaal, schlägt die Tür hinter sich zu. Unbeeindruckt setzt Wilfried Hartnagel (48) seine Stellungnahme fort.

Keine Stunde später, und Hartnagel, der sich als Kaufmann ausgab, vernimmt aus dem Munde von Amtsrichter Burkhardt Stein - in Abwesenheit von Ines K - das Urteil. Auf zwei Jahre Gefängnis zur Bewährung wegen vorsätzlicher Kindesentziehung lautet der Richterspruch. Zugleich bürdet das Gericht Hartnagel die 10 000 Mark Kosten für die Rückführung seiner Tochter von Mexiko nach Deutschland auf.

Innerhalb von nur fünf Stunden hat das Gericht gestern ein mehrjähriges Drama um die heute achtjährige Sandra aufgearbeitet. Sandra - das ist die gemeinsame uneheliche Tochter von Hartnagel und Ines K (39). 16 Monate lang hatte der Mann seine Tochter vor ihrer leiblichen Mutter, die über das alleinige Sorgerecht verfügt, in Nordamerika und Mexiko verborgen gehalten. Dass die Mutter überhaupt den Aufenthaltsort an der mexikanischen Pazifikküste ausfindig machen konnte, liegt an der Hamburger Elterninitiative "Vermißte Kinder" und einem aufmerksamen Camp-Nachbarn von Hartnagel.

Die Elterninitiative hatte im Internet weltweit zur Fahndung nach dem Kind aufgerufen. Hartnagels Camp-Nachbar Bill Smith in San Carlo stieß beim Surfen im "Web"auf die Suchmeldung und wandte sich im Mai 1999 per E-Mail an die Mutter in Ammerbuch. Nach anfänglichen Zweifeln an der Ernsthaftigkeit der Antwort flog sie mit einem Detektiv und einem Team des Fernsehsenders "pro Sieben" nach Mexiko. Hartnagel bekam Wind davon und flüchtete im Wohnmobil mit seiner neuen Lebensgefährtin, deren Tochter und seiner eigenen Tochter. Die mexikanische Polizei konnte die Fliehenden aufgreifen und festsetzen. Doch nun begann ein Wettlauf mit der Zeit. Hartnagel wies sich mit einem Reisepass als Stephen Derbyshire aus, die Papiere seiner Tochter Sandra lauteten auf den Namen Jessamy Ashton und bei der Gegenüberstellung behauptete er, Ines K nicht zu kennen. Innerhalb von 72 Stunden musste sie die wahre Identität ihrer Tochter gegenüber den mexikanischen Behörden nachweisen.

Wäre es ihr nicht gelungen, hätte die Polizei Hartnagel freilassen müssen. Der Vater wurde an Deutschland ausgeliefert. Vier Monate lang saß er in Untersuchungshaft. Gestern verließ er das Gericht als freier Mann. Er muss freilich wieder ins Gefängnis, wenn er innerhalb von fünf Jahren straffällig wird.

Schon im Sommer 1997 war Hartnagel 14 Tage lang mit seiner Tochter untergetaucht. Wie er selbst sagte, aus Protest gegen eine Entscheidung des Londoner High Courts, der der Mutter die Bestimmung des Aufenthaltsorts von Sandra zugesprochen hatte.

Anfänglich hatten die Eltern sich auf den Umgang mit der gemeinsamen Tochter geeinigt. Die meiste Zeit lebte Sandra beim Vater in Wales. Spannungen entstanden, als sie in Ammerbuch eingeschult werden sollte. Das Amtsgericht Tübingen sprach Hartnagel Ende Januar 1998 das Umgangsrecht mit seiner Tochter ab. Kurz darauf entführte er sie.
 
 
 

Mittwoch, 15.September 1999
Südwest Presse Online - Nachrichten.