Familiendrama auf offener Straße: zwei Tote

Bluttat vor den Augen der Kinder:
30jähriger Kurde sticht 22jährige Ehefrau nieder und richtet sich selbst

Auf offener Straße nahm eine unglückliche Ehe ein tödliches Ende: Ein 30jährige Kurde stach am Donnerstag im Stuttgarter Süden seine 22jährige Frau nieder, die auf dem Weg zum Kindergarten war. Dann tötete er sich selbst - vor den Augen dreier Kinder.

von Wolf-Dieter Obst

Zwei leblose Körper liegen auf dem Gehweg der Zellerstraße. Zwei Notärzte bemühen sich vergebens. 15 Meter weiter steht ein Kinderwagen, in der Tasche liegen ein gefülltes Milchfläschchen, ein Schreibheft, ein Mutterpaß. Hier, auf Höhe der Immenhoferschule, spielte sich gegen 9.30 Uhr in Minutenschnelle ein Drama ab.

Die Bluttat: Die 22jährige Fatima D. hat sich mit ihrer fünfjährigen Tochter und ihrem anderthalb Jahre alten Sohn im Buggy sowie dem sechsjährigen Jungen einer Bekannten zum Kindergarten aufgemacht. Seit Anfang Mai lebt sie in einem Frauenhaus, hat sich von ihrem Ehemann getrennt.

Der steht aber plötzlich vor ihr. Der 30jährige nimmt den Jungen auf den Arm und küßt ihn. Ein Streit bricht los - und der Mann dreht durch. Er wirft die 22jährige zu Boden und sticht mit einem Küchenmesser auf sie ein. Mehr als zehn Stiche.

Ein 60jähriger Zeuge, der gerade Flaschen in einen Glascontainer wirft, hört das Schreien der Kinder, holt eine Schreckschußwaffe aus dem Auto und schießt einmal in die Luft, um den Angreifer zu vertreiben. Der reagiert aber nicht ganz wie erwartet: Er zieht selbst eine Schreckschußwaffe, hält sie an die Schläfe und drückt mehrfach ab - doch kein Schuß löst sich. Dann sticht er sich mit seinem Messer mehrfach in die Brust. Passanten leisten Erste Hilfe, eine Anwohnerin nimmt sich der Kinder an. Über eine Stunde später steht sie geschockt mit Windeln in der Hand am Tatort.

Der Amokläufer: Die Ermittler stellen fest, daß der 30jährige schon vor vier Wochen für Aufsehen gesorgt hatte. In der Jakobstraße stand er blutüberströmt im Fenster seiner Dachgeschoßwohnung, hatte sich mit einem Messer an Armen und Beinen verletzt, drohte in die Tiefe zu springen. Damals noch konnte er von Polizei und Feuerwehr überwältigt werden. Neun Tage lag er im Bürgerhospital, wurde dann entlassen.

Der Hintergrund: "Er hat sie geschlagen und viel Geld an Automaten verspielt", sagt eine Nachbarin in der Jakobstraße, wo die von Sozialhilfe lebende kurdische Familie seit November 1998 wohnte. Anfang Mai zog die 22jährige bei Nacht und Nebel mit den Kindern aus - in ein Frauenhaus.

Doch der Unterschlupf ist nicht fern genug. "Ihr Mann hat sich immer wieder in der Nähe versteckt", betont eine Mitbewohnerin, "sie hat aber gesagt, daß sie keine Angst hat." Fatima D. habe deshalb nicht in ein anderes Frauenhaus umziehen wollen. Bei der Polizei heißt es, daß auch die Selbstmordgefährdung des 30jährigen diesen Amoklauf nicht vorhersehbar gemacht habe.

Ungewisse Zukunft: "Die beiden Kinder sind in einem Notaufnahmeheim untergebracht, wo sich Betreuer und Psychologen um sie kümmern", erklärt Jugendamtsleiter Bruno Pfeifle. 30 solcher Plätze gibt es in Stuttgart. Das Amt beantragt das Sorgerecht und will "in Ruhe abwarten", wie das Trauma verarbeitet werde.
 
 

18.06.1999
Sindelfinger Zeitung