Besuchstag eskalierte zum Drama
Vater tötete seine kleine Tochter
Streit um Kind / Auch Mutter und Sachbearbeiterin verletzt
Schwerin (M.P.) Die in der Geschichte der Landeshauptstadt
beispiellose Bluttat in der Außenstelle des Schweriner Amtes für
Jugend, Soziales und Wohnen hat gestern nicht nur in der Stadtverwaltung
für tiefe Erschütterung und Fassungslosigkeit gesorgt. Zuvor
hatten Ärzte des Schweriner Klinikums am späten Dienstagabend
versucht, die schwerstverletzte Jenika zu retten. Das Mädchen war
beim Eintreffen der Rettungskräfte um 17.20 Uhr bereits klinisch tot,
wurde reanimiert und war nach stundenlangem Kampf nicht mehr zu retten.
Die Mutter des Kindes, die 32-jährige Schwerinerin Daniela, kam mit
schweren Stichverletzungen davon. Gleiches gilt für die Sachbearbeiterin
aus dem Amt, die sich ebenfalls schützend vor das Kind geworfen hatte.
Die Spitze der Stadtverwaltung kümmerte sich gestern um die von den
Vorgängen tief geschockten Mitarbeiter. Das Amt blieb geschlossen,
für die Augenzeugen der Tat wird umfangreiche psychologische Betreuung
angeboten.
Die Bluttat hatte sich im Spielraum des Jugendamtes ereignet, in dem
der algerische Vater laut Gerichtsbeschluss seine Tochter treffen durfte.
Das Motiv der Tat liegt im Unklaren.
Hintergrund: Gewalttaten in Behörden
Januar 1995: Im Amtsgericht Kiel wird eine 49 Jahre alte Familienrichterin
von einem vermutlich psychisch gestörten Mann niedergestochen und
getötet. Der Mann hatte sich im Streit um das Sorgerecht für
seinen Sohn benachteiligt gefühlt.
März 1994: In Euskirchen im Rheinland tötet ein 39-jähriger
Gewalttäter im Amtsgericht der Stadt sieben Menschen durch Schüsse
und einen Sprengsatz - unter den Toten waren auch der Täter und ein
Richter.
August 1992: Aus Wut über seine Unterhaltsverpflichtungen
und als Rache für vermeintlich zugefügtes Unrecht ersticht ein
52-jähriger Mann im Landgericht Landshut die 50-jährige Rechtsanwältin
seiner Ex-Frau.
Dezember 1991: Ein 45-jähriger Landwirt aus Rendsburg dringt
mit einer Maschinenpistole in die Amtsverwaltung ein und erschießt
aus Wut über den zwangsweisen Anschluss seines Hauses an die Kanalisation
zwei Kämmerer.
Donnerstag, 27. Juli 2000
Schweriner Volkszeitung