„Sie haben´s schwierig genug“

Drei Kinder und ihr Schicksal: Das Kreisjugendamt weist Vorwürfe zurück
 

RIEDENBURG (mb). Ende Januar erwürgte laut Polizei in Riedenburg ein 44-jähriger Maler seine gleichaltrige Frau im Badezimmer. Während der Vater seitdem in Untersuchungshaft sitzt, kamen die drei Kinder des Paares in eine Pflegefamilie. Jetzt aber haben sie Riedenburg verlassen.

Das Schicksal der Kinder bewegt viele in der Stadt, Bürger engagierten sich auch in einem Unterstützerkreis, um zu helfen. Federführend für die Betreuung ist seit der Tat das Kreisjugendamt. Dessen Leiter, Josef Neumeier, wies gestern im MZ-Gespräch Angriffe zurück, er habe „selbstherrlich entschieden, die Kinder aus der (Pflege-)Familie und der Schule herauszureißen“ und wegzubringen, wie es in einem Schreiben an die MZ heißt. Neumeier bestimme über die Kinder, ohne sie je gesehen oder mit ihnen gesprochen zu haben. Zu Unrecht habe er sie in eine „fremde Umgebung“ gezwungen, obwohl sie sich an ihrem bisherigen Ort wohl gefühlt hätten.

Fakt ist: Die Kinder haben Riedenburg verlassen. Sie wurden in einer neuen Pflegefamilie untergebracht.

Josef Neumeier wies gestern in Riedenburg kursierende Anschuldigungen zurück, er sei bei dieser Entscheidung willkürlich vorgegangen. Richtig sei, dass die bisherige Pflegefamilie die Kinder zunächst vorübergehend aufgenommen habe. Die Familie habe sich später zudem bereit erklärt, die Kinder langfristig zu betreuen. Daraufhin führte das Kreisjugendamt ein offizielles Prüfverfahren durch, in dem das Umfeld ausgeleuchtet wurde. Dieses kam zu dem Ergebnis, dass in der Riedenburger Familie Voraussetzungen vorlägen, „die eine Dauerpflegestellung nicht möglich machen“.


„Lieber jetzt einen Schnitt“


Die Details für diese Entscheidung fallen unter den Datenschutz. Auch mehreren Anrufern in der vergangenen Woche „konnte ich die Hintergründe daher nicht nennen“, so Neumeier. Darüber hinaus soll es zu Vorfällen gekommen sein, die eine Trennung von Riedenburg erforderlich machten. So seien die Kinder wegen ihres Vaters bereits gehänselt worden. Bedenke man weiter, so Neumeier, dass der Totschlagsprozess gegen den 44-jährigen nochmals für öffentliches Aufsehen sorgen werde, wachse das Risiko einer Stigmatisierung der Kinder.

Das Ziel aber, die Kinder zu schützen, habe zum Ortswechsel geführt. Ursprünglich sei Absicht gewesen, die Kinder möglicherweise bis zum Sommer in Riedenburg zu lassen. Es habe allerdings letztlich Einigkeit bestanden, „lieber jetzt einen Schnitt vorzunehmen. Wenn man noch ein halbes Jahr länger gewartet hätte, dann wäre die Verwurzelung bereits groß“. Und ein Ortswechsel weit härter.

Die Kinder werden weiterhin, auch in der neuen Pflegefamilie, psychologisch betreut. Ferner habe das Kreisjugendamt die Maßnahme mit dem Vater und dessen Anwalt abgesprochen. Noch am vergangenen Dienstag erörterte Neumeier das Problem mit dem 44-jährigen, der das elterliche Sorgerecht hat. Ob ihm dieses vom Gericht entzogen wird, erweist sich möglicherweise erst im Lauf des Prozesses. Auch der Unterstützerkreis in Riedenburg wurde vom Jugendamt informiert.

Weshalb der Beschluss Kritik ausgelöst hat, kann Neumeier nur vermuten. Vorwürfe zielen darauf ab, die neue Familie wolle sich mit Hilfe der Kinder beziehungsweise des Pflegegeldes bereichern. Neumeier verurteilt solche Angriffe, die sich auf jede Pflegefamilie des Landes münzen ließen - aber gewiss nicht zu Recht. „Man sollte die Kinder jetzt in Ruhe lassen“, fordert Neumeier, und ihre Chance auf einen Anfang nicht verbauen. Schließlich: „Sie haben´s schwierig genug.“

erarbeitet von Kunzendorf, Mario
 

Artikel überstellt am Mon Mar 06, 2000 17:10:01, Online-Rubrik newskeh, MDV-GruppeRegensburg