- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Artikel mit getauschter
Vater- / Mutterrolle:
Haftstrafe für Entführung des eigenen Sohnes
Ein Vater sieht sein im Ausland aufgewachsenes Kind erst nach 16 Jahren wieder
MOSBACH. Seinen Sohn hat ein Vater verloren, als der Sohn vier Jahre alt war. Seine kroatische Ehefrau flüchtete mit dem Kind ins Ausland. Jetzt muss sie dafür ins Gefängnis. Aber für den Vater ist der inzwischen erwachsene Sohn ein fremder Mann geworden.
Natascha O.* (43) zeigt keine Reue. "Ich hatte keine andere Wahl, ich wollte nur das Beste für ihn", behauptete die Taxifahrerin aus Kroatien auf die Frage, warum sie im November 1987 ihren damals vierjährigen Sohn Sven entführt und seitdem im Auslandversteckt gehalten habe. Aber das Schöffengericht am Mosbacher Landgericht teilte die Ansicht der Frau nicht. Wegen Entziehung eines Min-derjährigen wurde Natascha O. dieser Tage zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Für die Jury hatte sie sich einer "fast unvor-stellbaren Grausamkeit" schuldig gemacht, unter der vor allem der Vater gelitten hat.
Unter Tränen erinnerte sich Klaus O.* vor Gericht anden Moment des Wiedersehens mit seinem Sohn vor vierWochen. "Ich konnte nicht sprechen", sagte der mittlerweile 47- jährige Bauzeichner aus dem Neckar-Odenwald-Kreis. "Ich konnte ihn immer nur ansehen. Er ist so ein hübscher junger Mann geworden. "Die letzte Erinnerung, die er an seinen Sohn Sven hatte, liegt 16 Jahre zurück. Damals war er nachseinen Worten "ein sehr aufgeweckter, intelligenter kleiner Lausbub". Heute ist Sven 21 Jahre alt, studiert Elektronik in der norditalienischen Stadt Udine und kann sich mit seinem Vater nur in Englisch und gebrochenem Deutsch unterhalten. Aber wenigstens sagt er heute wieder "Papa" zu dem auch für ihn noch völlig fremden Mann.
Sven O. ist erst nach Deutschland gekommen, nachdem seine Mutter im Januar aufgrund eines 16 Jahre altenHaftbefehls bei einer Fahrt durch Bayern festgenommen worden war. "Er wusste, dass er einen Vater in Deutschland hat", behauptete die Angeklagte Natascha O. vor Gericht. "Aber auch als er 18 Jahre altgeworden war, wollte er ihn nicht sehen. "Über die Gründe dafür sagte die gebürtige Kroatin nichts, aber ihr Geständnis war umfassend. Ja, sie habe im November 1987 ihren Sohn beim Vater abgeholt, mit dem sie sich nicht mehr verstand; die Scheidung lief bereits. Sie habe das Kind nicht wie versprochen nach einigen Stunden wieder nach Hause gebracht. Stattdessen flogen Mutter und Sohn nach Amsterdam, einen Tag später weiter nach Mexiko. Dort blieben sie die nächsten vier Jahre, die Ehe in Deutschland wurde in Abwesenheit der Frau geschieden, und Natascha O. heiratete ein zweites Mal. Später ließ sich die Familie - Sven hatte inzwischen zwei Schwestern bekommen - in Kroatien nieder.
"Es war eine ganz grausame Zeit", erzählt der Vater Klaus O. von den letzten 16 Jahren. Zehn Jahre lang blieb er allein und behielt den Namen seiner Exfrau inder Hoffnung, dass sein spurlos verschwundener Sohn ihn irgendwann suchen und finden würde. Inzwischen hat der schmächtige Mann eine neue Lebensgefährtin, vor sechs Wochen sind sie Eltern seines zweiten Sohnes Julian geworden.
"Es war Gottes Fügung, dass gerade jetzt mein großer Sohn wieder aufgetaucht ist. Er hat seinen Bruder Julian schon gesehen." Die Höchststrafe von fünfJahren Haft für Kindesentziehung blieb Natascha O. erspart. Vermutlich wird sie nicht lange in einem deutschen Gefängnis bleiben, sondern bald nach Kroatien in die Freiheit abgeschoben werden. In den Verhandlungspausen im Mosbacher Amts-gericht umarmten sich Mutter und Sohn. Aber auch Klaus O. durfte die Arme um seinen wiedergewonnenen Sohn legen. Seiner Exfrau, die ihn früher verprügelt und ihm dabei sogar die Nase gebrochen hatte, kann er nicht verzeihen.
Aber nach der Verhandlung zog auch der
Vater einen Schlussstrich. "Die 16 Jahre bringt mir zwar keiner zurück",
sagte Klaus O., "aber Hauptsache, jetzt ist Frieden und ich kann in Zukunft
meinen Sohn ab und zu wieder sehen."
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Original Artikel:
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/692472
Haftstrafe für Entführung des eigenen Sohnes
Eine Mutter sieht ihr im Ausland aufgewachsenes Kind erst nach 16 Jahren wieder
MOSBACH. Ihren Sohn hat eine Frau verloren, als er vier Jahre alt war. Ihr kroatischer Ehemann flüchtete mit dem Kind ins Ausland. Jetzt muss er dafür ins Gefängnis. Aber für die Mutter ist der inzwischen erwachsene Sohn ein fremder Mann geworden.
Von Wieland Schmid
Rudolf O. (47) zeigt keine Reue. "Ich hatte keine andere Wahl, ich wollte nur das Beste für ihn", behauptete der Fernfahrer aus Kroatien auf die Frage, warum er im November 1987 seinen damals vierjährigen Sohn Sven entführt und seitdem im Ausland versteckt gehalten habe. Aber das Schöffengericht am Mosbacher Landgericht teilte die Ansicht des Mannes nicht. Wegen Entziehung eines Minderjährigen wurde Rudolf O. dieser Tage zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Für die Jury hatte er sich einer "fast unvorstellbaren Grausamkeit" schuldig gemacht, unter der vor allem die Mutter gelitten hat.
Unter Tränen erinnerte sich Sylvia O. vor Gericht an den Moment des Wiedersehens mit ihrem Sohn vor vier Wochen. "Ich konnte nicht sprechen", sagte die mittlerweile 43- jährige Bauzeichnerin aus dem Neckar-Odenwald-Kreis. "Ich konnte ihn immer nur ansehen. Er ist so ein hübscher junger Mann geworden." Die letzte Erinnerung, die sie an ihren Sohn Sven hatte, liegt 16 Jahre zurück. Damals war er nach ihren Worten "ein sehr aufgeweckter, intelligenter kleiner Lausbub". Heute ist Sven 21 Jahre alt, studiert Elektronik in der norditalienischen Stadt Udine und kann sich mit seiner Mutter nur in Englisch und gebrochenem Deutsch unterhalten. Aber wenigstens sagt er heute wieder "Mama" zu der auch für ihn noch völlig fremden Frau.
Sven O. ist erst nach Deutschland gekommen, nachdem sein Vater im Januar aufgrund eines 16 Jahre alten Haftbefehls bei einer Fahrt durch Bayern festgenommen worden war. "Er wusste, dass er eine Mutter in Deutschland hat", behauptete der Angeklagte Rudolf O. vor Gericht. "Aber auch als er 18 Jahre alt geworden war, wollte er sie nicht sehen." Über die Gründe dafür sagte der gebürtige Kroate nichts, aber sein Geständnis war umfassend. Ja, er habe im November 1987 seinen Sohn bei der Mutter abgeholt, mit der er sich nicht mehr verstand; die Scheidung lief bereits. Er habe das Kind nicht wie versprochen nach einigen Stunden wieder nach Hause gebracht. Stattdessen flogen Vater und Sohn nach Amsterdam, einen Tag später weiter nach Mexiko. Dort blieben sie die nächsten vier Jahre, die Ehe in Deutschland wurde in Abwesenheit des Mannes geschieden, und Rudolf O. heiratete ein zweites Mal. Später ließ sich die Familie - Sven hatte inzwischen zwei Schwestern bekommen - in Kroatien nieder.
"Es war eine ganz grausame Zeit", erzählt die Mutter Sylvia O. von den letzten 16 Jahren. Zehn Jahre lang blieb sie allein und behielt den Namen ihres Exmannes in der Hoffnung, dass ihr spurlos verschwundener Sohn sie irgendwann suchen und finden würde. Inzwischen hat die zierliche Frau einen neuen Lebensgefährten, vor sechs Wochen hat sie ihren zweiten Sohn Julian bekommen.
"Es war Gottes Fügung, dass gerade jetzt mein großer Sohn wieder aufgetaucht ist. Er hat seinen Bruder Julian schon gesehen." Die Höchststrafe von fünf Jahren Haft für Kindesentziehung blieb Rudolf O. erspart. Vermutlich wird er nicht lange in einem deutschen Gefängnis bleiben, sondern bald nach Kroatien in die Freiheit abgeschoben werden. In den Verhandlungspausen im Mosbacher Amtsgericht umarmten sich Vater und Sohn. Aber auch Sylvia O. durfte die Arme um ihren wiedergewonnenen Sohn legen. Ihrem Exmann, der sie früher verprügelt und ihr dabei sogar die Nase gebrochen hatte, kann sie nicht verzeihen.
Aber nach der Verhandlung zog auch die Mutter einen Schlussstrich. "Die 16 Jahre bringt mir zwar keiner zurück", sagte Sylvia O., "aber Hauptsache, jetzt ist Frieden und ich kann in Zukunft meinen Sohn ab und zu wieder sehen."
Aktualisiert: 05.03.2004, 06:15 Uhr