Der Brandanschlag war wochenlang geplant
Drittes Todesopfer: 24-Jährige erliegt Rauchvergiftungen
Von Stefan Simon
München: Der mutmaßliche Brandstifter Lothar Motschmann hat nach seiner Festnahme am Mittwochabend ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er habe schon seit langem geplant, Feuer in seiner Wohnung in der Daphnestraße zu legen, sagte er in einem etwa vier Stunden langen Verhör. In der Nacht auf Montag, als er den Vorsatz in die Tat umgesetzt hatte, waren zwei Frauen ums Leben gekommen und vierzehn Menschen zum Teil schwer verletzt worden. Gestern starb eine weitere Hausbewohnerin, eine 24-Jährige, an ihren Rauchvergiftungen. Zwei Opfer schweben immer noch in akuter Lebensgefahr. Auf die Spur des 42-Jährigen kam die Polizei durch einen Zeugenhinweis. Ein Gast des Arabella-Hotels hatte in der Toilette einen „schlafenden Mann mit rotem Anorak und Wuschelkopf“ gesehen, wie Kriminaldirektor Udo Nagel berichtete. Gegen Mittag benachrichtigte der Zeuge die Rezeption. Aber der Gesuchte war inzwischen verschwunden. Der Portier staunte nicht schlecht, als er den Mann in einer Zeitung auf einem Fahndungsfoto erkannte, und verständigte sofort die Polizei. Zivilfahnder sahen den mit Haftbefehl gesuchten Kfz-Mechaniker gegen 18 Uhr zu Fuß in der Elektrastraße. Er bemerkte sie zwar und wollte noch weglaufen, doch die Polizisten waren schneller und holten ihn ein. Motschmann ließ sich widerstandslos festnehmen.
Seit Montag soll er mehrere Male versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Bei seiner Festnahme fanden die Polizisten einen Strick in einer seiner Taschen. „Ich hab’ Blödsinn gemacht, ich hab’ meine Wohnung angezündet“, hat er den Beamten wörtlich gesagt. Sinngemäß fügte er hinzu, dass er nicht gewollt habe, dass so viele Menschen umkommen. Staatsanwalt Michael Höhne nannte den geständigen Tatverdächtigen „offensichtlich verzweifelt“. In dem 42-Jährigen haben sich nach der Scheidung von seiner Frau und dem Streit um das Sorgerecht für die beiden gemeinsamen Kinder demnach viele Emotionen aufgestaut. Vor einem Suizid habe er „alles zerstören wollen“, vermutet Höhne, „damit er nichts mehr hat, woran er hängt“. Der Staatsanwalt kündigte ein psychiatrisches Gutachten an.
Geschlafen hat der mutmaßliche Täter in den vergangenen Tagen
kaum, getrunken und gegessen auch nicht – obwohl er einen Geldbeutel dabei
hatte, wie Kriminaldirektor Nagel sagte. Die Polizei habe ihn beim Verhör
darum erst einmal mit einem Döner, Cola und Kaffee versorgt. Eigenen
Angaben zufolge hatte Motschmann vier Halbe Bier getrunken, als er den
Brand legte. Den Benzinkanister hatte er seit Wochen daheim. Ein erster
Versuch, eine Lunte zu legen, schlug fehl. Daher warf er ein Streichholz
ins Appartement. Als es dabei zur Verpuffung kam, versengte sich der Täter
einige Haare am rechten Handgelenk, blieb aber ansonsten unverletzt.
19.11.1999
Süddeutsche Zeitung