Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche
und Eltern des Kreises arbeitet mit unterschiedlichen Methoden
MICHELSTADT. Benjamin ist sechs Jahre alt und macht wieder in die Hose. Er weigert sich, zur Toilette zu gehen. Seine Eltern finden keinen Grund und entschließen sich, Hilfe bei der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern des Odenwaldkreises in Michelstadt zu suchen. „Das Einnässen ist ein typisches Problem, weswegen Familien zu uns kommen. Die Ursachen sind allerdings sehr unterschiedlich“, sagt Volker Berthel, Diplom-Psychologe und Leiter der Beratungsstelle.
Gemeinsam mit den Familien Ursachen und Lösungen zu finden, das ist die Aufgabe der acht Therapeuten, die sich auf viereinhalb Planstellen verteilen. „Es ist gesetzlich festgelegt, dass Familien ein Recht auf Unterstützung in der Erziehung haben. Deshalb ist die Beratung bei uns kostenlos. Der Träger ist der Odenwaldkreis“, erläutert Berthel.
Familie Schneider (Name und Ort von der Redaktion geändert) aus Bad König hatte mit ihrem Sohn Benjamin Anfang des Jahres vier Termine in der Beratungsstelle. „Wir haben jedes Mal Tipps bekommen. Der Knackpunkt war, dass wir mehr auf die Wahrnehmung unseres Sohnes achteten. Er schien die volle Blase zu brauchen, um sich selbst richtig zu spüren. Ich habe mit ihm gezielte Übungen gemacht und nach einer Weile ist er ganz normal zur Toilette gegangen“, erzählt die Mutter. Die Behandlungsmethoden sind unterschiedlich. Besonders wichtig ist den Therapeuten, dass die ganze Familie miteinbezogen wird. „Früher hieß das Erziehungsberatung. Die Kinder wurden hier abgegeben, und die Eltern ließ man außen vor. Heute arbeiten wir mit allen Familienmitgliedern. Das ist auch wichtig, damit bei niemandem Schuldgefühle entstehen. Denn eine Schuldfrage gibt es hier nicht“, sagt Volker Berthel, der selbst mehrere Familien betreut, mit ganz unterschiedlichen Methoden: „Manchmal kann man mit Reden viel erreichen, aber wir arbeiten auch mit Rollenspielen oder Skulpturen.“
Jedes Familienmitglied soll Vater, Mutter und die Kinder so im Raum verteilen, wie es die Familie und die Beziehungen untereinander sieht. „Wer besonders viel Macht hat, wird dann zum Beispiel auf einen hohen Stuhl gestellt. Fühlt sich ein Kind vernachlässigt, stellt es sich ganz weit weg von den anderen.“ Die Bilder geben also Aufschluss über die innerfamiliären Beziehungen, die oft der Grund für die Probleme sind, die die Familien lösen wollen. Ein anderes Beispiel: Ein Ehepaar hat sich getrennt. Die Mutter bekommt das Sorgerecht für die vier Jahre alte Tochter, räumt dem Vater aber eine großzügige Besuchsregelung ein.
Das Kind bekommt immer stärkere motorische Störungen. Während der Beratung stellt sich heraus, dass das kleine Mädchen zu sehr unter der Traurigkeit des Vaters leidet, der die Trennung von seiner Frau noch nicht verkraftet hat. „Da geht unsere Arbeit mehr in den Bereich der Partnertherapie. Der Mann verarbeitet langsam seinen Trennungsschmerz und kann auch seiner Tochter gegenüber wieder ein fröhlicher Vater sein.“ Eheprobleme und Scheidung sind die häufigsten Gründe für den Beginn einer Beratung.
Neben den Familientherapeuten arbeitet auch eine Kindertherapeutin in der Beratungsstelle. „Zu mir kommen die Kinder, die neben der Familientherapie zusätzliche Unterstützung brauchen. Ich arbeite ganz viel mit Handpuppen oder Ton, je nachdem wie sich die Kinder gerne ausdrücken“, erklärt Heike Beringer. Die Beratungsstelle engagiert sich auch in Schulen und Kindergärten, wo vor allem vorbeugende Arbeit geleistet wird: Elternabende zu bestimmten Themen oder Supervisionen für Lehrer und Erzieher.
Oft fallen denen Probleme der Kinder früher auf als den Eltern. Da bietet die Beratungsstelle auch ein gemeinsames Gespräch mit Eltern und Lehrer an. Die Familien kommen alle zwei Wochen für eineinhalb Stunden zur Beratung. Meist reichen fünf bis zehn Termine aus. Den Erfolg der Therapien zu messen, ist allerdings schwierig.
Aber Benjamins Mutter würde immer wieder in die Beratungsstelle kommen: „Es ist schon ein Schritt, dahin zu gehen, weil man denkt, man hätte versagt, aber das ist Schwachsinn. Man sollte so früh wie möglich hingehen, denn hier geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern man bekommt wirkliche Unterstützung.“
Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern des Odenwaldkreises ist an der Erbacher Straße 27 in Michelstadt, Telefon 06061/ 71792, zu erreichen.
von unserer Mitarbeiterin Ruth Reichstein
29.8.2000
Echo Online