Von OLIVER MEYER
exp Lindlar - Der kleine Tom ist vier Jahre alt, hat einen blonden Wuschelkopf, ein richtig süßer Fratz - und Mittelpunkt eines bitteren Ehekriegs zwischen Mami und Papi. Das ganze Dorf spricht bereits über den "Rosenkrieg von Lindlar". Jetzt ist Tom (4) seit zehn Wochen verschwunden. Der Vater hat ihn "entführt", will ihn nicht wieder zur Mutter geben.
Ein gemütliches Einfamilienhaus in Lindlar. Ein kleiner Garten mit Schaukel. Hier wohnte der kleine Tom. Vor eineinhalb Jahren trennte sich Regina G. (33) von ihrem Ehemann Rolf (42). Beide wollten eine "gütliche" Trennung. Doch jetzt ist nur noch Hass übrig. Sie wirft ihm vor: "Er hat den Jungen entführt, mich bei Freunden und Nachbarn als psychisch krank bezeichnet. Tom hat er mir weggenommen, um mich fertig zu machen."
EXPRESS erreichte den Vater auf seinem Handy. Er sagt: "Sie hat das Kind vernachlässigt, ihr Freund hat meinen Sohn geschlagen. Egal was das Familiengericht sagt: Ich rücke Tom nicht raus, ziehe vor das Oberlandesgericht." Sexueller Missbrauch, Vorwürfe, Lügen und Halbwahrheiten geistern durch die Gemeinde. Szenen einer gescheiterten Ehe. Die Mutter, die ihren Sohn so liebt, sah nur noch eine Möglichkeit, etwas über den Verbleib ihres Sohnes zu erfahren: Sie hängte Suchplakate aus, bittet nun um Hinweise aus der Bevölkerung. Ihr Ehemann ist stocksauer, holt zum nächsten Schlag aus: "Meine Anwälte werden auf Unterlassung klagen."
Bei der Polizei ist der Fall längst bekannt, aber es kein Ermittlungsverfahren.
Ein Polizeisprecher: "Wir kennen die Familie, die Verhältnisse. Wir
können Tom erst suchen, wenn es eine Anzeige gibt." Das Problem: Regina
und Rolf G. teilen sich das Sorgerecht für den Jungen, doch die Mutter
hat dem Kreisjugendamt Gummersbach die Aufenthalts-Bestimmungsrecht abgetreten.
Regina G.: "Damit er Tom beim Jugendamt abliefert. Sonst wird er ihn nie
herausgeben."
Ende Juli beschloss das Familiengericht: Der Gerichtsvollzieher hat
Tom notfalls mit polizeilicher Hilfe aus dem Haus des Vaters zu holen und
dem Jugendamt zu übergeben. Aber: Der Vater ist nicht auffindbar,
der Beschluss nicht durchsetzbar. Warum erstattet das Jugendamt nicht Vermißten-Anzeige,
um den Vater notfalls per Haftbefehl suchen zu lassen? Eine Angestellte:
"Der Fall ist ein schwebendes Verfahren, und wir dürfen aus Datenschutzgründen
nichts sagen." Regina G. und ihr Anwalt sind entsetzt: "Hier wird nicht
zum Wohl des Kindes entschieden. Um so mehr Zeit vergeht, um so verstörter
wird Tom. Hat dieses Kind denn gar keine Rechte?" Sachverständige,
Psychologen, Ärzte, Anwälte und Jugendamt und drehen sich im
Kreis. Mutter Regina weint abends am leeren Bettchen ihres Sohnes und fleht:
"Gebt mir endlich mein Kind zurück..."
25.08.1999Express Online - Köln