Nach fast fünf Jahren: Glückliches Ende des Scheidungsdramas um das verschleppte Kind
Von HEINER SCHMIDT
Kiel/New York - Ihre Mickymaus hat Lolita gern, und mit der Frau, die ihr jetzt so häufig den Arm um die Schulter legt und sie ganz fest an sich drückt, setzt sie das neue Panda-Puzzle zusammen. Dass diese Frau ihre Mutter ist, weiß die siebenjährige Lolita seit drei Wochen. Ob sie es auch fühlt, weiß nur sie allein.
"Sie hat mich nicht erkannt. Wie sollte sie auch?", sagt Nina Komisar (28) über den Moment, als sie ihre Tochter nach fast fünf Jahren wieder in die Arme nahm. Das war am 23. April in der weißrussischen Stadt Brest - und das glückliche Ende der verzweifelten Suche einer Mutter nach ihrem vom Vater entführten Kind.
Vor einem halben Jahr hatte der Fall die deutsche Justiz beschäftigt. Das Amtsgericht Neumünster und in zweiter Instanz das Landgericht Kiel verurteilten Lolitas Vater Vladimir M. zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Kindesentziehung. Auch in der Berufungsverhandlung hatte er sich geweigert preiszugeben, wo das Kind versteckt ist.
Im Juli 1995 hatte er Lolita in New York entführt. Der Beginn einer Odyssee durch mehrere osteuropäische Staaten. Ihrer Mutter blieben nur das gerichtlich zugesprochene Sorgerecht und ein paar Fotos, die Lolita im Alter von knapp drei Jahren zeigen.
Weil Vater und Tochter während der Flucht vor den Behörden zeitweise auch in Deutschland lebten, wurde Vladimir M. hier der Prozess gemacht. Im Oktober 1998 war er während eines Besuchs bei seiner kranken Mutter in Köln verhaftet worden.
Zwar ging Lolitas Vater lieber für Jahre ins Gefängnis, als seine Tochter herauszugeben. Dennoch: Der Prozess in Kiel war der Schlüssel dazu, dass die inzwischen wieder verheiratete Nina Komisar die verlorene Tochter vor wenigen Tagen zurück nach New York holen konnte.
"Unsere Taktik ist aufgegangen", sagt ihr deutscher Anwalt Horst Schumacher aus Henstedt-Ulzburg. Er hatte immer wieder einen Beweis gefordert, dass Lolita noch am Leben ist. In der Berufungsverhandlung ließ Vladimir M. deshalb ein Video vorführen, auf dem die inzwischen Siebenjährige zu sehen war - irgendwo in einem osteuropäischen Staat. Nina Komisar, die aus den USA zur Verhandlung gekommen war, brach in Tränen aus, als sie die Bilder sah. Ihr Anwalt fasste neue Hoffnung. "Wir hatten endlich aktuelle Bilder von Lolita", sagt Schumacher, der sich seit 20 Jahren mit internationalen Sorgerechtsfällen beschäftigt. Mitte April strahlte ein Moskauer Privatsender das Video in einer "Ich suche Dich"-Sendung aus. Nina Komisar war Studiogast.
Dann ging alles ganz schnell: Eine Familie aus dem weißrussischen Brest meldete sich. "Ganz sicher war ich erst, als mir die Leute bestätigten, dass das Mädchen, das bei ihnen lebt, ein Muttermal an einer bestimmten Stelle hat", sagt Nina Komisar. Sie fuhr sofort nach Brest. "Es war ein sehr emotionaler Moment." Anwalt Schumacher sagt: "Es ist mein schönster Erfolg."
Mittlerweile ist klar, wo Lolita die zweieinhalb Jahre ohne Eltern verbrachte: Vladimir M. hatte sie vor seiner Reise nach Köln in einer Pension untergebracht, die er im Voraus bezahlte. Als er nicht zurückkehrte, kümmerten Bekannte sich um das Kind, dann lebte es in einer Pflegefamilie. "Sie haben sich sehr liebevoll um Lolita gekümmert, fanden aber, dass sie zu ihrer Mutter gehört", sagt Nina Komisar.
Vladimir M., der bis zuletzt geschwiegen hatte,
hilft das Ende der Entführung nicht. Seine Gefängnisstrafe ist
rechtskräftig geworden - wenige Tage bevor Lolita gefunden wurde.
"Er kann ein Gnadengesuch stellen", heißt es bei der Staatsanwaltschaft
Kiel. Nina Komisar interessiert sich nicht mehr für das Schicksal
ihres Ex-Mannes. "Er hat versucht, mein Leben zu zerstören - und das
unserer Tochter."