Kaller Detektiv befreite Mutter und Tochter aus Ägypten - USA-Fall klärte sich von selbst - Publicity im Internet

US-Amerikaner sieht in Engel "internationalen Kindesentführer"

Von Christoph Heup

Kall. Eigentlich könnte sich der 64-jährige Kaller Detektiv Julius Engel zur Ruhe setzen - zumal sein Gesicht in vielen Ländern bekannt ist als das eines professionellen "Kidnappers". Engel hat sich seit mehr als 20 Jahren spezialisiert auf die Re-Entführung von Kindern, die von ihren Vätern ins Ausland entführt wurden.

Mehr als 160 Kinder hat der früherer ungarische Militärpilot schon zurück gebracht in die Obhut ihrer Mütter. Diese Arbeit ist ein Balanceakt an der Grenze der Legalität, verbunden mit großen persönlichen Risiken. Vor allem in arabischen Ländern drohen ihm drakonische Strafen, würde er auf frischer Tat bei einer Re-Entführung erwischt.

Mittlerweile tritt Sohn Oliver (35) in der Kaller "Globus Detektei" in die Fußstapfen seines Vaters, doch bei "heißen Fällen" ist Vater Julius immer noch mit von der Partie. Wer würde dem grauhaarigen Herrn auch schon eine Kindesentführung zutrauen?

Wobei sich Engel selbst nicht als "Entführer" sieht: Stets ist die Mutter dabei. Sie ergreift nach langer Observierung durch die Detektive im entscheidenden Moment das Kind, Engel und seine weltweit mittlerweile 70 Partner ebnen erst den Weg zum Kind und dann die Flucht aus dem Land.

So vor einigen Wochen im Fall eines fünfjährigen Mädchens aus Wiesbaden, das der Vater, ein ägyptischer Arzt, zunächst nach Kairo entführt hatte, um, wie Engel sagt, die deutsche Mutter des Kindes zu bestrafen.

Die Mutter reiste hinterher und lebte in der Familie ihres Mannes zusammen mit der Tochter, hatte aber keine Chance, das Land aus eigener Kraft mit dem Mädchen wieder zu verlassen. Ihre Schwester beauftragte den Kaller Detektiv mit der Heimholung.

Im ersten Anlauf scheiterte Engel: Mutter und Tochter lebten in einer 18-köpfigen Großfamilie, die die beiden nicht aus den Augen ließ. "Wie sollte ich sie da herausholen? Ich kann ja keine 18 Personen ausschalten."

Mit jordanischem Pass ging`s nach Israel

Doch im Oktober kam der Moment des Detektivs, als der ägyptische Arzt mit Frau und Kind nach Hurkghade ans Rote Meer zog. Ging er zur Arbeit, schloss er Frau und Kind im Haus ein.

Zusammen mit einem jordanischen Mitarbeiter observierte Engel das Haus, wobei er höllisch aufpassen musste: "Ein Araber erkennt auch einen verkleideten Europäer sofort am Gang." Im geeigneten Moment brach er die Haustür auf und befreite Mutter und Kind. Die anschließende Flucht führte über Akaba in die jordanische Hauptstadt Amman, von wo aus die Gruppe mit jordanischen Pässen nach Israel ausreiste.

Beim Beschaffen der Pässe sei sein Mitarbeiter ein hohes Risiko eingegangen, erläuterte Engel, denn die Sicherheitssysteme Jordaniens seien sehr gut. Von Tel Aviv aus ging`s mit dem nächsten Lufthansaflug nach Frankfurt, wo 16 Verwandte einen großen Jubel anstimmten. "Es war ziemlich ergreifend", meinte Engel.

Ganz unerwartet löste sich im November ein weiterer Fall. Aus den USA sollte Engel ein fünfjähriges Mädchen, vom Vater, einem Ex-Soldaten, nach New York entführt, heimholen. Doch die Suche war schwierig. Das Elternhaus des Mannes, in dem er mit der Tochter vermutet wurde, stand leer.

Schließlich fand Engel das neue Domizil und darin auch den gesuchten Mann. Doch vom Mädchen und dem Großvater keine Spur. Da es in den USA keine Meldepflicht gibt, war selbst der Hinweis eines Bekannten, dass sich der Großvater irgendwo in Nord-Dakota aufhalte, wenig hilfreich.

Amerikaner legte Internet-Dossier an

Mit Hilfe einer amerikanischen Anwältin fand sich trotzdem der Aufenthaltsort. Zusammen mit einem Fernsehteam von Pro-7 flog die Mutter in die USA zu einem Besuch. Erst bei einem zweiten Besuch, so der Plan Engels, wollte er dann zuschlagen.

Doch dann kam alles anders als erwartet: Der Druck, den Engel und die Anwältin über die örtliche Polizei ausgeübt hatten, war so groß, dass der Vater das Kind ohne Kommentar im Hotel der Mutter abgab. "Manchmal passieren Dinge, bei denen ich selbst überrascht bin", war der gebürtige Ungar heilfroh. Denn gerade aus den USA kenne er nur einen einzigen Weg nach draußen.

Was Engel bis gestern noch nicht wusste: In den USA ist er noch bekannter, als er denkt. Dafür sorgt auch der Amerikaner Alfred Dolder aus Los Angeles. Dessen Tochter Nina soll der Kaller 1996 zu entführen versucht haben.

In einem Malbuch der Kleinen fand der Amerikaner, der bis heute um das Sorgerecht für seine Tochter kämpft, die handschriftlichen Notizen seiner Frau über die mit Engel vereinbarte "Operation Tequila". Über Mexiko sollten Mutter und Tochter nach der Re-Entführung außer Landes gebracht werden.

Chronologisch listet Dolder im Internet die Vorgänge des Jahres 1996 auf und attackiert den Kaller und seinen mitbeteiligten Partner Ed Beyer aus Los Angeles als "internationale Kindesentführer". Für 55 000 Mark, so entnahm Dolder den Notizen seiner Frau, habe sie Engel für die zunächst am 11. Januar 1997 geplante Entführung engagiert. Mit einem Privatflugzeug habe Nina nach Mexiko geschmuggelt werden sollen.

Entführungsversuch in Pasadena scheiterte

Ein Entführungsversuch sei dann aber schief gegangen: Ohne Vorwarnung sei seine Frau um 10 Uhr morgens am 15. Februar 1997 mit zwei Männern und einer Frau vor Alfred Dolders Haus in Pasadena aufgekreuzt. Ob es sich dabei um Julius Engel handelte, darüber macht Dolder in seinem Dossier "M. rekrutierte Profis, um Nina gewaltsam zu entführen", keine Angaben.

Mit einem Pickup habe die Gruppe die Einfahrt blockiert und das Haus umstellt. Doch habe er mit der damals dreijährigen Tochter Nina entwischen können und die örtliche Polizei sowie das US-amerikanische FBI informiert. Wobei die Mutter schließlich doch ihre Tochter mit nach Brasilien nehmen konnte, als Dolder im Juni 1997 seine Tochter auf Weisung eines amerikanischen Richters an die Mutter übergeben musste.

Der Amerikaner gründete den "Nina Dolder Legal Fund", mit dem er nun für gleichberechtigte Ansprüche beider Eltern kämpft. Eine zweite Gruppe beschert Engel Publicity: Mit dem Hinweis, dass gewaltsame Kindesentführung zur Tagesordnung würden und Deutschland sich international ins Abseits stelle, druckte die Gruppe "paPPa.com" Berichte und Fotos der Kölnischen Rundschau und des Kölner Express über den Kaller Detektiv Engel auf ihrer Homepage über "Internationale Kindesentführungen" ab.

Derweil wartet Engel auf die Revisionsverhandlung zu einem Urteil des Aachener Landgerichts: Dort hatte ihm im November 1998 die 2. Kleine Strafkammer eine Geldstrafe von 10 000 Mark aufgebrummt, weil Engel 1993 und 1994 zwei Kinder mit gefälschten Pässen aus Ägypten und der Türkei geschmuggelt hatte.
 
 

19.01.2000
Kölnische Rundschau - Euskirchen