Wegen der Familienehre die Frau erstochen

Heidelberg - Im Streit um das Sorgerecht für die beiden Kinder hat ein 29-Jähriger seine Ehefrau erstochen. Das Heidelberger Landgericht verurteilte den Täter jetzt wegen Totschlags zu neun Jahren Haft.

VON ULRICH WILLENBERG

Der Libanese hatte die 22-Jährige im März in einer Tiefgarage umgebracht. Täter und Opfer waren durch die Eltern zwangsverheiratet worden. Bei der Vermählung war das Mädchen 15 Jahre alt, ein Jahr später gebar es das erste Kind. Einige Monate vor ihrem Tod verliebte sich die junge Frau in einen anderen Mann und verließ die gemeinsame Wohnung in Sinsheim. Am Tattag traf sich das Ehepaar zu einer Aussprache über die Zukunft der zwei Kinder, die bei dem Vater geblieben waren. Die Frau machte klar, dass sie nicht auf die beiden verzichten werde. Da erstach der Mann die Frau.

Den kulturellen Hintergrund der Bluttat machte der Verteidiger Peter Slania deutlich. Noch schlimmer als der Ehebruch sei für den Libanesen die Angst gewesen, seine Kinder zu verlieren. Sie seien das Wichtigste für einen arabischen Mann. In seiner Heimat wäre der 29-Jährige möglicherweise nicht verurteilt worden. "Wer gegen die Ehre der Familie verstößt, begeht ein todeswürdiges Verbrechen'', so der Rechtsanwalt des Angeklagten. Unmut über das ihrer Ansicht nach zu milde Urteil äußerten Mitarbeiterinnen des Frauenhauses. Dorthin hatte sich die 22-Jährige in ihrer Angst geflüchtet. Ihre Eltern sollen sie aufgefordert haben, sich zu vergiften. Ihr Grab war im Garten angeblich schon ausgehoben. "Sie war verzweifelt'', erinnert sich Evi Hofmann vom Heidelberger Frauenhaus.

Dass der Vater der Libanesin kein Erbarmen kennt, hatte er bereits früher bewiesen. Weil ihm die Liaison einer weiteren Tochter nicht passte, schlug er sie zusammen und wurde deshalb verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte zwölf Jahre Haft für den Messerstecher gefordert.
 
 

22.12.2000
Stuttgarter Nachrichten