Rosenkrieg endet mit Schlägen und Tränen

LKR. HASSBERGE (NT)
 

Schon seit einigen Jahren war die Atmosphäre zwischen den Eheleuten konfliktgeladen: Der Schuldenberg wegen des Hausbaus wuchs immer weiter, in Erziehungsfragen waren sich die Eltern uneins. Miteinander über ihre Probleme reden konnten sie aber kaum.

An einem Abend im Februar gab wieder einmal ein Wort das andere, bis der Ehemann rot sah: Erst hielt er seiner Frau die Axt an den Hals und holte drohend aus. Kurz darauf schlug er mit dem Telefonhörer und den Fäusten auf seine Frau ein, fügte ihr Verletzungen an Gesicht und Oberkörper, sowie eine Schädelprellung zu. Jetzt muss sich der 42-jährige Frührentner wegen Bedrohung und gefährlicher Körperverletzung vor dem Gericht in Haßfurt verantworten.

Als er von der Staatsanwältin mit den Geschehnissen konfrontiert wird, ist er geständig. "Da gibt es nichts zu verheimlichen", nickt der Angeklagte. Und fügt leise hinzu: "Welcher Teufel mich da geritten hat, weiß ich nicht mehr". An den verhängnisvollen Abend erinnert er sich jedoch noch gut. Der Schuldenberg sei inzwischen auf fast 900 000 Mark angewachsen gewesen, erzählt er, das Kindergeld habe gerade die laufenden Zahlungen gedeckt. Doch als er seine Frau bat, den Jahresbeitrag für den Turnverein der achtjährigen Tochter - eine Summe von zwölf Mark - von ihrem geringen Gehalt zu bezahlen, habe sie ihm mitgeteilt, in Zukunft allein über das Kindergeld verfügen zu wollen.

Den ersten "Aussetzer" hatte er, als er seine Frau mit der Axt bedrohte. Doch als ihn der Schwiegervater am Telefon beschimpfte, sei es mit seiner Selbstbeherrschung endgültig vorbei gewesen. "Da gingen die Lichter bei mir aus", erinnert sich der Angeklagte. Als er wieder zu sich kam, sei seine Frau mit geschwollenem Gesicht vor ihm gestanden. "Mein erster Gedanke war, das wollte ich absolut nicht, danach habe ich geheult wie ein Schlosshund".

Als die 34-jährige Ehefrau des Angeklagten als Zeugin auftritt, beschreibt sie das Ausmaß der Misshandlungen. "Ich hatte Glück, dass ich das Augenlicht nicht verloren habe", erinnert sie sich an die Aussage des behandelten Arztes. Noch vier Monate nach der Tat habe sie unter Schmerzen gelitten. Auf Anfragen von Richter, Staatsanwältin und Verteidigern gesteht die - ihrem Mann physisch überlegen wirkende - 34-Jährige ein, ihren Ehemann gerne provoziert zu haben. "Ich bin verbal manchmal ausfällig", erklärt sie und verstärkt mit ihren weiteren Ausführungen nur noch den Eindruck, dass die Ehe der beiden wohl nicht die beste war.

Entscheidend für das Urteil ist jedoch das Gutachten einer Psychologin der Psychiatrischen Klinik in Werneck. Geschockt von seinem Verhalten, hatte sich der Angeklagte dort nach der Tat selbst gemeldet und um Hilfe gebeten. Die Gutachterin beobachtete und betreute ihn während seines zweiwöchigen Klinik-Aufenthaltes und legt nun ihre Ergebnisse vor: Der Angeklagte sei normalerweise eher ruhig und gefasst. Doch an diesem Februar-Abend sei alles zusammen gekommen: die chronische Ehekrise und die finanzielle Notsituation, wegen der die Bank schon das Haus versteigern wollte. "Die Forderung der Frau, in Zukunft über das Kindergeld zu verfügen, musste er als lebensbedrohlich empfinden", führt die Gutachterin aus. Durch diese akute Belastungssituation sei der Angeklagte nur vermindert schuldfähig gewesen. Nach der Trennung scheint das Verhältnis der Eheleute zueinander auf dem besten Weg zu sein: Auf Anfrage der Staatsanwältin bestätigt die 34-Jährige, bislang keinen Anspruch auf Schmerzensgeld geltend gemacht zu haben; der Angeklagte, dem inzwischen das Sorgerecht für die Tochter übertragen wurde, gibt an, eine Scheidung eigentlich nicht zu wollen, "denn irgendwie habe ich sie schon sehr gern". Die Staatsanwältin forderte drei Monate auf Bewährung, die Verteidigerin einen Monat auf Bewährung. Von einer Geldstrafe wollten beide aufgrund der nach wie vor schwierigen finanziellen Lage des Angeklagten absehen. Doch der Richter entscheidet anders und verhängt eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 20 Mark.
 

Freitag, 29.12.2000
Volksblatt Hofheim