Der Kampf um ein kleines Mädchen hat vor dem Amtsgericht Hannover einen einigermaßen versöhnlichen Abschluss gefunden. Großvater, Vater und Onkel der dreieinhalbjährigen Rieke mussten sich wegen gemeinsamer gefährlicher Körperverletzung und Kindesentführung verantworten. Sie waren in zwei Autos aus Köln angereist und hatten den hannoverschen Großvater des Mädchens, der Rieke als Babysitter auf dem Arm trug, im Hausflur überfallen, mit Gas besprüht und mit einer Eisenstange niedergeschlagen. Dann entführten sie das Kind Richtung Köln, ein erheblich verletzter Großvater blieb zurück. Inzwischen ist Riekes Mutter nach Köln verzogen, beide Eltern, deren Ehe nach wenigen Jahren gescheitert war, haben das gemeinsame Sorgerecht. Zwei Drittel ihrer Zeit verbringt Rieke bei der Mutter, den Rest beim Vater. Nach diesem familiären Burgfrieden stimmte Richter Achim Friedrich einer Einstellung des Verfahrens gegen die Kölner „schweren Herzens" zu.
Allerdings müssen die drei 17 500 Mark Buße zahlen und sämtliche Kosten des Rechtsstreits übernehmen. Und der hannoversche Großvater erhält 7500 Mark Schmerzensgeld.
Die wilde Schlacht um Rieke spielte sich in durchaus gehobenen Kreisen ab. Der Vater des Kindes, promovierter Psychologe, ist Unternehmensberater in Köln. Auch die mütterliche Seite in Hannover gilt als gutbürgerlich und keineswegs unbetucht. Alles Geld konnte der kleinen Rieke kein geborgenes Zuhause schaffen, gnadenlos stritten die Eltern vor den Gerichten um das Mädchen.
Der überfallartige Kindestransfer von der Leine an den Rhein war der Höhepunkt der Auseinandersetzungen. Generalstabsplanmäßig hatten die Kölner die Entführung vorbereitet: Man rückte mit Sprühdosen, Eisenstange und Kuhfuß an, außerdem wartete draußen im Auto ein Kindermädchen, um Rieke gleich in Empfang nehmen zu können. Der hannoversche Großvater wehrte sich verzweifelt gegen die Übermacht vom Rhein, konnte jedoch nicht verhindern, dass man ihm das Kind aus den Armen riss.
„Wir haben diesem Vergleich nur mit Blick auf das Wohl des Kindes, das
endlich Ruhe finden soll, zugestimmt", sagte Rechtsanwalt Matthias Waldraff,
der den Verletzten als Nebenkläger vertritt. Die Rheinländer
entschuldigten sich schließlich noch im Gerichtssaal bei dem Großvater
von der Leine. Familienharmonie verbreitete sich jedoch nicht ñ
vielleicht kann die kleine Rieke hier irgendwann Wunder wirken.
Jo, Hannover, 18.01.2000
Hannoversche Allgemeine