Brutale Gewalttäter? Wahrheit ist komplizierter

Versuchter Totschlag an Polizisten: Stiefvater der Täter kritisiert Jugendamt

Stuttgart/Esslingen - Brutale, skrupel- und gewissenlose Gewalttäter, denen das Leben anderer nichts wert ist - so stellt man sich die Mutter und ihre zwei Söhne vor, die im August 1999 zwei Polizeibeamte zusammengeschlagen und schwer verletzt haben. Die Wahrheit ist - wie so oft - komplizierter.

VON GEORGE STAVRAKIS

Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt. Am Abend des 1.August wurde die Polizei in die Esslinger City gerufen, um eine Schlägerei zu beenden. An der Mühlstraße stellten eine Beamtin und ihr Kollege zwei Burschen und deren Mutter. Es entwickelte sich ein Handgemenge, das in einer Gewaltorgie gipfelte. Der 20-jährige Devrim K., sein drei Jahre jüngerer Bruder Volkan und die 39-jährige Mutter schlugen die beiden Beamten krankenhausreif. Wegen versuchten Totschlags stehen sie vor dem Landgericht. Den Söhnen werden noch weitere Körperverletzungen, räuberische Erpressung und Diebstahl vorgeworfen.

¸¸Die Ernte eines Jahres wird hier verhandelt'', so Staatsanwalt Klaus Ehrhardt. Ehrhardt betreut verschiedene Jugendprojekte in Esslingen und kennt die beiden jungen Männer. ¸¸Die waren völlig in Ordnung - bis zur zweiten Scheidung'', so Ehrhardt. 1985 hatten sich die türkischen Eltern der beiden in Deutschland scheiden lassen. Kaum ein Jahr später heiratet Nuran den Deutschen Mario K. Der Facharbeiter nimmt die beiden Jungs unter seine Fittiche, achtet darauf, dass sie Deutsch lernen, hilft ihnen bei den Schularbeiten und geht mit ihnen in den Sportverein. ¸¸Es ging richtig gut mit den Jungs'', so Mario K. vor der 2.Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts. Doch die Ehe hält nicht. Nuran bekommt das Sorgerecht und lässt sich mit einem anderen Mann ein. Mit einem Mann, der ihr übel mitspielt, sie laut ihrer Aussage mehrfach vergewaltigt und regelmäßig blutig schlägt.

Devrim und Volkan rutschen ab. Die schulischen Leistungen sausen in den Keller, sie geraten in schlechte Gesellschaft - und müssen immer wieder mitansehen, wie ihre Mutter grün und blau geschlagen wird. Am 9. Juni 1999 eskaliert die Situation. Die Söhne prügeln den Peiniger ihrer Mutter zusammen. Mario K., der immer versucht hat, Kontakt zu halten, ist machtlos. Beim Jugendamt stößt er auf taube Ohren. ¸¸Sie haben kein Sorgerecht, wir kümmern uns darum'', habe man ihm dort gesagt. ¸¸Das Ergebnis können wir heute sehen - dort auf der Anklagebank'', so Mario K. vor Gericht. Mutter Nuran weint, ihre Söhne senken die Köpfe.
 

30.03.2000
Stuttgarter Nachrichten