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Familiendrama um Mitternacht VON BIANCA WILKENS UND UDO BEISSEL, 17.05.2006 Erftstadt-Dirmerzheim - Der kleine Tim und sein zehn Jahre alter Bruder Max waren zwei aufgeweckte Kerlchen. Oft spielten sie auf der Spielstraße am Lourdesweg in Dirmerzheim Ball oder fuhren mit dem Tretroller umher. Die Nachbarn und viele Erftstädter kannten die Familie. Denn der Vater war niedergelassener Hausarzt, praktizierte direkt neben seinem Wohnhaus. Gestern verbreitete sich die Schreckensnachricht wie ein Lauffeuer. In der Nacht muss es im Haus des Arztes zu grauenhaften Szenen gekommen sein. Der 47-Jährige Klaus S. hat nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in der Nacht zum Dienstag zunächst seine Frau erschossen. Dann ging er in die Kinderzimmer. Dort lagen Tim und Max in ihren Betten. Mit einem Revolver, Kaliber 357 Magnum, schoss er auf die Oberkörper seiner Kinder. Anschließend rief der Arzt, der als Jäger legal mehrere Waffen besaß, bei der Rettungsleitstelle an und erklärte, er habe seine Familie erschossen. Tot auf dem Boden Während die Retter mit mehreren Fahrzeugen nach Dirmerzheim ausrückten, fiel im Haus des Arztes wieder ein Schuss: Der 47-Jährige hat sich selbst getötet. Den Rettungssanitätern, Notärzten und Polizisten bot sich schon beim Blick durch das Fenster ein schreckliches Bild. Dort lagen die 43 Jahre alte Ehefrau und der Arzt. Beide waren tot. In den Kinderzimmern in der ersten Etage wurden die Kinder sofort medizinisch versorgt. Die Retter brachten Max und Tim mit lebensgefährlichen Verletzungen in die Rettungswagen. Der Fünfjährige wurde in einem Krankenhaus notoperiert. Er hat einen Bauchschuss und Beinverletzungen erlitten, schwebte gestern Mittag aber nicht mehr in Lebensgefahr. Der Zehnjährige starb im Krankenwagen. Die Nachbarn reagierten erschüttert. Eine Anwohnerin lief schreiend in ihr Haus zurück, als sie am Morgen von dem Familiendrama erfuhr. Viele wussten, dass die Ehe des Arztpaares - es war seit elf Jahren verheiratet - von vielen Höhen und Tiefen geprägt war. Eine Freundin der Familie berichtete, dass die 43-Jährige sich endgültig von ihrem Mann habe trennen wollen. "Vor wenigen Tagen saß Klaus bei mir zu Hause. Er war betrunken und sagte »Die bringe ich um«", sagte die Freundin. Solche Drohungen waren offenbar nicht selten. "Ich habe das nicht für bare Münze genommen." Anwohner Gottfried Baer sah den Arzt häufig in der schmucken Reihenhaussiedlung. "Er ging meist mit dem Hund spazieren. Unglaublich, was hier passiert ist." Langes Gespräch "Ein Selbstmord ist ja schon schlimm genug", sagte gestern Ortsvorsteher Wilfried Esser. "Aber dann noch fast die ganze Familie auszulöschen - und das als Arzt." Noch am Abend der Tatnacht hat Esser ein langes Gespräch mit Klaus S. geführt. Der Ortsvorsteher hatte den Hausarzt beim Dirmerzheimer Schützenfest am Montagabend getroffen, nur wenige Stunden vor dem Familiendrama. "Er verhielt sich völlig normal. Wie immer." Ebenso wie S. ist auch der Ortsvorsteher Jäger. Beide plauderten eine Stunde lang über die Jagd und das Pachten von Jagdrevieren. Esser: "Wenn man so eine Tat vorhat, dann redet man doch nicht über so etwas." Geschockt sind auch die Lehrer und die Schulleiterin der Grundschule in Gymnich. Dort ist der zehnjährige Max zur Schule gegangen. Leiterin Kathrin Haug kennt den Jungen aus dem Kunstunterricht und ist wie gelähmt. "Ein fröhliches Kind. Er hatte in der vierten Klasse so viele neue Ziele vor Augen." Ganz schwer sei der Abschied für sie, für die Kollegen und vor allem für die Kinder. Alle Klassenlehrer hätten mit den Kindern über das Geschehen gesprochen. "Die waren ganz unglücklich, wussten überhaupt nicht damit umzugehen", berichtete Haug. Viele hätten geweint, andere die Trauer ganz still verarbeitet. "Sie haben ihn gemocht." Gewalt erklären Die Schulleiterin denkt an eine gemeinsame Abschiedsfeier, damit die Kinder das schreckliche Ereignis bewältigen können. "Wie wir den Kindern die Gewalt erklären, müssen wir noch gemeinsam überlegen." Einen Psychologen aus Bonn hat die Schulleiterin inzwischen schon an ihrer Seite. Auf seinen Rat hin erwägt das Lehrerkollegium, das geplante Schulfest am Samstag abzusagen. "Erstmal muss für so ein Fest etwas Ruhe eingekehrt sein." Auch auf die Hilfe von Freunden und Nachbarn kann sie setzen. "Die Dorfgemeinschaft hält zusammen." Gemeinsam wollen sie überlegen, wie dem fünfjährigen Tim geholfen werden kann. Er sollte in diesem Jahr an der Gymnicher Grundschule eingeschult werden. Für seine Mutter habe Max noch an Muttertag ein Herz mit Perlen bestickt und ein Gedicht geschrieben. "Er hat sich so gut entwickelt. Und dann ist das alles einfach zu Ende." Anwohner in Erftstadt sind geschockt ERSTELLT 16.05.2006, 15:30h Erftstadt - Bleierne Stille liegt über dem Lourdesweg im idyllischen Ort Erftstadt-Dirmerzheim am Morgen danach. In der kleinen Siedlung direkt neben der Kirche aus Backstein deutet nur ein weiß-rotes Absperrband der Polizei auf etwas Außergewöhnliches hin. Fliederbüsche säumen die Einfahrt zum Haus Nummer 2, ein Efeu bewachsenes Schild deutet den Weg zur Arztpraxis. Dahinter liegt inmitten eines blühenden Gartens das Wohnhaus der Familie des Allgemeinmediziners. Dort ereignete sich in der Nacht zum Montag die Familientragödie mit drei Toten. Der 47-Jährige schoss auf seine 43 Jahre alte Ehefrau und seine beiden 10 und 5 Jahre alten Söhne und richtete die Waffe danach gegen sich selbst. Nur der fünfjährige Junge überlebte schwer verletzt und ist mittlerweile außer Lebensgefahr. "Das war eigentlich ein ganz vernünftiger Mensch", sagte ein Patient des Mediziners. Er selber habe den sportlichen Mann erst gestern noch gesehen, wollte sich heute ein Rezept abholen. "Das waren freundliche Leute, aber man weiß ja nicht, was sich hinter den Kulissen tut", sagt die Frau des Patienten. "Das muss eine Kurzschlusshandlung gewesen sein", meint eine ältere Passantin kopfschüttelnd. Sie selbst sei mit der Familie befreundet, ihre Söhne kennen den im Dorf beliebten Mediziner gut, sagt sie um Fassung ringend. "Sie sind mit ihm zur Jagd gegangen." Erklären könne sie sich das alles nicht so ganz: "Es ist kein Mangel an irgendwas da gewesen." Zum Tatmotiv gibt die Polizei allgemein familiäre Probleme an. "Ja - Trennungsgerüchte hat es gegeben - auch schon öfter", sagt die Passantin. Schon vor einiger Zeit soll es nach Angaben von Einwohnern in der Ehe gekriselt haben. Die 43-Jährige habe die Absicht gehabt, ihren Mann zu verlassen. Direkte Nachbarn des Allgemeinmediziners meinen: "Das ist alles unfassbar. Wir haben gar nichts von der Tragödie mitgekriegt. Und das alles in unserer beschaulichen Straße. Das geht an die Nieren." (dpa) HINTERGRUND: Familientragödien in Deutschland ERSTELLT 16.05.2006 30.01.2006 - 2 Tote: Ein 62 Jahre alter Mann erschießt in Moers zunächst seine Ehefrau und dann sich selbst. Die Tochter fand das tote Paar in der Wohnung. Als Motiv vermutet die Polizei eine schwere Erkrankung des Mannes sowie anhaltende Depressionen der Frau. 14.5.2005 - 1 Tote: Ein 58-Jähriger versucht in Witten in Nordrhein-Westfalen seine drei Kinder zu erstechen und unternimmt anschließend einen Selbstmordversuch. Die fünfjährige Melissa stirbt. Knapp eine Woche nach der Bluttat erwachen die zwei überlebenden Kinder aus dem Koma. Auch der Täter überlebt seine Verletzungen. Vermutliches Motiv: Verzweiflung nach der Scheidung von seiner Frau. 30.4.2005 - 5 Tote: Ein 41 Jahre alter Mann löscht in Rheinfelden (Baden-Württemberg) seine gesamte Familie aus. Er erschießt seine 30 Jahre alte Ehefrau, seine beiden 4 und 7 Jahre alten Kinder sowie seine 74 und 79 Jahre alten Eltern. Hintergrund soll eine Ehekrise sein. Die Frau war mit den Kindern ausgezogen und wollte die Scheidung. 22.3.2004 - 6 Tote: In Augsburg ersticht ein 37-Jähriger seine Schwiegermutter (53), die Tochter (7) seiner Frau aus erster Ehe, seinen Schwager (25), seinen Freund (26) und seine Ehefrau (24). Das vermutliche Motiv: Eifersucht und Beziehungsprobleme zwischen ihm und seiner Frau. Dem Täter gelingt die Flucht in die Türkei, wo er festgenommen wird. Im Gefängnis begeht er Selbstmord. 16.6.2003 - 4 Tote: Mit vier Schüssen tötet ein 70 Jahre alter Bauunternehmer im saarländischen Quierschied seine 35-jährige Frau, die beiden gemeinsamen 9 Jahre alten Kinder und dann sich selbst. Als Motiv werden Trennungsabsichten der Frau vermutet. 6.5.2003 - 4 Tote: Vermutlich aus Eifersucht erschießt ein 48 Jahre alter Fernfahrer in Herren-Sulzbach (Rheinland-Pfalz) seine Frau (35), deren Liebhaber (27) und seine Schwiegermutter (66). Danach tötet er sich auf einem Parkplatz selbst. Der Schwiegervater (70) wird schwer verletzt. Die beiden 8 und 10 Jahre alten Kinder der Familie überleben unverletzt. 3.2.2002 - 4 Tote: Eine vierköpfige Familie wird Opfer eines Dramas in Sindelfingen-Maichingen (Baden-Württemberg). Die Mutter (35) wird mit Tochter (5) und Sohn (2) im Schlaf mit einer Axt erschlagen. Der Vater (36) verunglückt auf der Autobahn tödlich. Der Verdacht erhärtet sich, dass er für das Familiendrama verantwortlich war. 8.3.2000 - 5 Tote: Ein 42 Jahre alter Mann bringt in Zwintschöna bei Halle (Sachsen-Anhalt) fünf Familienmitglieder um. Zunächst erschlägt er mit einer Axt seine Frau (37) und 3 Söhne im Alter von 4, 10 und 17 Jahren. Stunden später erstickt er seine eineinhalb Jahre alte Tochter. Er wird nach einem Selbstmordversuch festgenommen. Motiv: hohe Schulden. Er wird zu dreizehneinhalb Jahren Haft verurteilt. (dpa) |