ucs Bonn. "Die Kindesentziehung dauert noch an," sagt der Vorsitzende Richter am Ende der Urteilsbegründung. Der Satz - ein wenig resignativ - fällt in die Stille des Saales 36 des Bonner Landgerichts.
Die Mutter im Zuschauerraum schluckt schwer; der Vater des Kindes klatscht. Alleine. Zynisch natürlich. Der Vater ist der Angeklagte, 29 Jahre alt, Libanese. Seit zehn Jahren auf der Flucht vor seinem eigenen Kulturkreis, heißt es im biographischen Abriss.
Vor allem vor seiner Stiefmutter sei er geflohen. Acht Jahre ist er in Europa herumgereist und hat eine Deutsche geheiratet - um am Ende von seinen eigenen Wurzeln eingefangen zu werden.
Der Mann hat sein eigenes Kind als "Spielball" benutzt, um seine deutsche Ehefrau unter Druck zu setzten. Er hat den damals zweijährigen Sohn - nach einem gemeinsamen Urlaub im Libanon - einfach bei seinen Eltern in Beirut gelassen.
Die Mutter, 26 Jahre alt, wurde nicht gefragt. Im Gegenteil. Er stellte Bedingungen: Wenn Du das Kind noch einmal sehen willst... Zunächst musste sie beim Ausländeramt erklären, dass die Ehe intakt sei, damit er endlich in den Besitz einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis kommt.
Später hatte er sie um Geld erpresst. Von 20000 Mark ist die Rede; später von 10000 Mark. Bis die 26-Jährige das aussichtslose und böse Spiel begriff. Im Januar 2001 zeigte sie ihren Ehemann an.
Nach mehreren Monaten und 14 Verhandlungstagen hat das Bonner Landgericht den Angeklagten gestern zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Zehn Jahre wegen erpresserischen Menschenraubes, Nötigung und versuchter Erpressung. Im Vordergrund des Prozesses hatte vor allem die Rückkehr des nunmehr dreijährigen Kindes nach Deutschland gestanden.
Drei Monate lang wurde das Bonner Verfahren sogar ausgesetzt, um den Verhandlungen zwischen Bonn und Beirut Raum und Zeit zu geben.
Aber die Rückkehr konnte weder durch den kräftigen Druck des Gerichts, noch durch eine hohe Strafforderung des Staatsanwaltes, der zwölf Jahre verlangt hatte, bewirkt werden. Alle Anstrengungen, so fasst es die Kammer zusammen, waren vergeblich. Der Stolz - vielleicht auch ein böser Familienzwist - waren stärker.
"Es ist nicht auszuschließen, dass der Angeklagte die Kontrolle über das Schicksal des Kindes verloren hat," sagt der Vorsitzende Richter weiter.
Am Ende des Prozesses hatte der 29-Jährige behauptet, dass seine eigene Stiefmutter das Kind nicht mehr herausgeben will; im übrigen habe sie das Sorgerecht übertragen bekommen.
Auf das Leben seines Sohnes habe er keinen Einfluss mehr, hatte er geschworen. Der Staatsanwalt hielt es in seinem Plädoyer für eine erneute Inszenierung des Angeklagten.
Die Mutter des Kindes will nicht aufgeben.
Nach Ende des Prozesses erklärte die 26-Jährige tapfer in die
Fernseh-Kameras: "Ich werde weiter um meinen Sohn kämpfen."
07.11.2001
http://rundschau-online.de/bonn/2196271.html