"Ich lasse sie nicht im Stich"
Berlin/Ägypten: Landeskriminalamt,
Auswaertiges Amt, Deutsche Botschaft in Kairo, Privatdetektive, aegyptischer
Anwalt, Medien, Internet - Hellen Sprecher laesst kaum etwas unversucht.
Bis zu Aussenminister Fischer und Bundeskanzler Schroeder dringt ihr Hilferuf
durch. Die beiden sprechen mit dem aegyptischen Staatspraesidenten Mubarak
ueber den Fall.
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So sollte man sich mal für die Väter einsetzen, die jedes Jahr den Kontakt zu ihren Kindern vollständig verlieren. Das würde uns weiter bringen.
Ein Beispiel aus 10001:
Die Mutter zieht von Hamburg nach Kehl
am Rhein und nimmt die Kinder mit. Beides liegt in Deutschland aber 700
km Entfernung. Niemand kann sie daran hindern. Zieht sie aber 10 km weiter
nach Strassburg, dann kann der Vater die Kinder vielleicht zurückholen.
Wenn es dumm läuft, kann das Familiengericht in Hamburg u.U. der Mutter
in Abwesenheit das Alleinige Sorgerecht übertragen, um den Fall abzuschliessen.
Hier hat der Vater dann gar keine Möglichkeiten mehr, weil die Haager
Konvention ausgehebelt wird.
Vielleicht kann die Mutter für 6 Monate oder ganz nach Ägypten gehen und versuchen einen vertrauensvollen Kontakt aufzubauen.
Grüße vom
Thomas
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http://morgenpost.berlin1.de/content/2004/07/31/berlin/694237.html?redirID
Kindesentführung: Ägypter vor Gericht
Wegen Entführung seiner beiden kleinen Kinder muss sich seit Freitag ein aus Ägypten stammender Mann vor einem Berliner Amtsgericht verantworten. Der Angeklagte soll Ende Dezember 2000 das damals fünfjährige Mädchen und dessen zweijährigen Bruder selbst oder durch unbekannte Helfer in seiner Heimat versteckt haben. Die Mutter weiß bis heute nicht, wo ihre Kinder leben. Der Angeklagte werde keine Aussagen machen, erklärte die Verteidigung.
Die 39 Jahre alte Angestellte mit alleinigem Sorgerecht hatte sich mit ihrem Ex-Mann auf einem Berliner U-Bahnhof getroffen, um ihm Tochter und Sohn für zwei Tage zu überlassen. Ihr Anwalt Hans Reimar Odefey vermutet, die Geschwister seien in einem kleinen Dorf bei der Familie des Angeklagten oder bei seinem Bruder in Kuwait. Alle Bemühungen, die Kinder zu finden, seien gescheitert. "Es herrscht eine Mauer des Schweigens", erklärte der Nebenkläger. Auch diplomatische Bemühungen seien erfolglos geblieben.
Seiner Mandantin gehe es nicht in erster Linie um Strafe, sie wolle ihre Kinder zurück. Schon jetzt sei eine völlige Entfremdung zu befürchten. Nach Auskunft des Anwalts war lange unbekannt, wo der Angeklagte sich aufhielt. Anfang des Jahres sei er in Bonn festgenommen worden. Bisher habe der Mann die Vorwürfe bestritten. Der Prozess wird am Mittwoch mit der Vernehmung der ersten Zeugen fortgesetzt.
Das Berliner Landeskriminalamt bearbeitet derzeit knapp 30 laufende Fälle von Kindesentziehung. Insgesamt fielen in der zuständigen Fachdienststelle seit dem Jahr 2000 etwa 600 solcher Fälle an. Die Aussicht auf eine Rückführung von rechtswidrig ins Ausland gebrachten Kindern ist allerdings eher gering.
Zwar haben weltweit 70 Staaten das Haager Abkommen zur internationalen Kindesentziehung unterzeichnet. Islamische Staaten, in die die Kinder in den meisten Fällen gebracht werden, gehören allerdings nicht dazu.
hhn/dpa
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taz Nr. 7588 vom 11.02.2005 Seite 5
Themen des Tages
"Ich lasse sie nicht im
Stich"
AUS BERLIN PLUTONIA PLARRE
Liebe Hannah, lieber Ibrahim,
falls ihr euch einmal fragt, wo ihr geboren
seid und wer eure Mutter ist, dann koennt ihr hier etwas darueber erfahren.
Wenn ihr diese Seiten im Internet ansehen koennt, seid ihr schon gross.
Wie es heute aussieht, seid ihr dann ohne mich gross geworden.
Wann genau sie diesen Brief an ihre Tochter
und ihren Sohn ins Netz gestellt hat, weiss die 39-jaehrige Informatikerin
Hellen Sprecher nicht mehr. Es ist eine von ungezaehlten Aktivitaeten einer
verzweifelten Mutter auf der Suche nach einem Lebenszeichen ihrer Kinder,
die seit vier Jahren verschwunden sind. Mutmasslich entfuehrt von ihrem
Vater Mahmoud E., einem 40 Jahre alten Aegypter mit deutschem Pass, der
nicht ertragen kann, dass sich seine Frau von ihm getrennt hat.
Vor dem Berliner Landgericht wird Mahmoud
E. deshalb zurzeit der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft geht davon
aus, dass der Angeklagte seine Kinder mit Hilfe von Freunden nach Aegypten
verschleppt hat und dort bei Verwandten versteckt haelt. Hannah war fuenf
Jahre alt, als sie spurlos verschwand, Ibrahim, genannt Ibi, zweieinhalb.
Auf Kindesentziehung in besonders schwerem Fall steht eine Hoechststrafe
von zehn Jahren. Es gibt keine berechtigten Zweifel an der Schuld des Angeklagten.
Aber der Mann, der seit einem Jahr in Untersuchungshaft sitzt, behauptet
vor Gericht, er habe nichts mit dem Verschwinden seiner Kinder zu tun.
Vielleicht wollt ihr nichts mehr von mir wissen, weil man euch schlimme Dinge ueber mich erzaehlt hat.
Hellen Sprecher hat Hannah und Ibrahim
zum letzten Mal am 28. Dezember 2000 gesehen. Zu dieser Zeit lebt sie bereits
ein dreiviertel Jahr von Mahmoud E. getrennt. Beide haben das Recht zugesprochen
bekommen, die Kinder zu gleichen Anteilen sehen zu koennen. Obwohl er in
den sieben Jahren Ehe ein liebevoller Vater war, macht Mahmoud E. von dieser
Moeglichkeit immer weniger Gebrauch. Er nennt der Mutter seine neue Adresse
nicht, verlangt, dass die Kinder an einem U-Bahnhof hin- und hergereicht
werden. Als sie deshalb beim Jugendamt vorspricht, heisst es: Sie muesse
sich halt mit ihm arrangieren.
Lange Zeit haben mich die vielen "haette"
und "koennte" und "sollte" beschaeftigt, da das Herz nicht wahrhaben wollte,
was der Verstand laengst wusste.
Die letzte Szene mit ihren Kindern hat
sich der Mutter in Gedaechtnis gebrannt. Es ist zwei Tage nach Weihnachten.
Die Familie sitzt beim Fruehstueck, als das Telefon klingelt. Mahmoud E.
ist dran. Im Gegensatz zu sonst ist er freundlich. Er wolle mit den Kindern
bei Freunden das Ramadanfest feiern. Eigentlich hat Hellen Sprecher fuer
den Tag einen Ausflug geplant. Aber Hannah draengelt. Papa hat ihr ein
Paeckchen von Tante Fatma aus Aegypten versprochen. Fatma ist eine seiner
neun Geschwister. Mahmoud E. bittet, fuer die Kinder ein paar Sachen fuer
die Nacht einzupacken. Die Kinder troedeln. Hellen Sprecher hat Angst,
zu spaet zu kommen, schimpft ein bisschen mit ihnen. Durch Schneematsch
rennen sie zur U-Bahn. "Bis morgen," ruft die Mutter noch, bevor der Zug
im Tunnel verschwindet.
Als ihr Mann mit den Kindern zur verabredeten
Zeit nicht auf dem U-Bahnhof erscheint, greift Hellen Sprecher zum Handy.
Es dauert, bis die Verbindung steht. "Wo seid ihr denn?," ruft sie ins
Telefon. Die Antwort kann sie auch nach vier Jahren nahezu woertlich wiederholen.
"Tja, wo sind wir denn", sagt Mahmoud gedehnt. Und dann: "Du wirst die
Kinder nie wiedersehen. Nie mehr wirst du etwas von ihnen hoeren oder mit
ihnen sprechen." Es ist ein Gefuehl, als ob der Boden unter den Fuessen
wegbraeche. Eine dunkle Vorahnung war schon lange da. Und dennoch, sie
kann und will es nicht wahrhaben. Die Polizei ermittelt, dass Mahmoud E.
am 29. Dezember nach Kairo geflogen ist. Allein. Mit grossem Uebergepaeck.
Seine Wohnung hat er gekuendigt, das Auto verkauft.
Vielleicht denkt ihr, dass ich euch im
Stich gelassen habe. Es gibt so viele dunkle "vielleicht", und es tut weh,
ueber sie nachzudenken.
Landeskriminalamt, Auswaertiges Amt, Deutsche
Botschaft in Kairo, Privatdetektive, aegyptischer Anwalt, Medien, Internet
- Hellen Sprecher laesst kaum etwas unversucht. Bis zu Aussenminister Fischer
und Bundeskanzler Schroeder dringt ihr Hilferuf durch. Die beiden sprechen
mit dem aegyptischen Staatspraesidenten Mubarak ueber den Fall. Aber auch
das bringt der Mutter die Kinder nicht wieder. Rechtlich haben die deutschen
Behoerden keine Handhabe, weil Aegypten nicht dem internationalen Haager
Kindesentziehungsuebereinkommen angehoert. Aus islamischen Laendern, deshalb
auch countries of no return genannt, so die Erfahrung, kommt fast nie ein
entfuehrtes Kind zurueck.
Eigeninitiative kann zuweilen die letzte
Chance sein. Das Auswaertige Amt warnt Hellen Sprecher aber, auf eigene
Faust zu recherchieren. Das sei zu gefaehrlich. Einmal faehrt sie trotzdem
nach Kairo und Kom El Nor, dem Heimatdorf ihres inzwischen geschiedenen
Mannes - und stoesst bei dessen grosser Familie auf Schweigen.
Unbemerkt kehrt Mahmoud E. in der Zwischenzeit
mehrfach nach Deutschland zurueck - ohne die Kinder. Als er am 2. Februar
2004 in Bonn Sozialhilfe beantragt, wird er verhaftet. Von nun an kann
sich die Mutter nicht einmal mehr mit der Vorstellung troesten: Die Kinder
sind nicht allein. Ihr Vater ist bei ihnen. Eine lange Freiheitsstrafe
fuer Mahmoud E. waere deshalb ueberhaupt nicht in ihrem Sinne.
Ich habe euren Papa geheiratet, weil ich
ihn geliebt habe. Ich habe ihn dafuer bewundert, dass er sich aufgemacht
hat, in einer fuer ihn fremden Welt ein neues Leben aufzubauen. Mit Freude
habe ich mich auf seine Welt eingelassen. Aber wir haben uns wohl ueberschaetzt.
Hellen Sprecher und Mahmoud E. heiraten
1993 in Bonn. Er ist nach Deutschland gekommen, um Elektrotechnik zu studieren.
Sie ist in der EDV-Branche taetig. Beide sind gross und schlank, er dunkel,
sie blond - ein augenfaelliges Paar. Als die Kinder zur Welt kommen, macht
er den Hausmann. Sie verdient das Geld. Es imponiert ihr, dass sich der
traditionell erzogene Muslim auf diese Aufgabenteilung einlaesst. Seine
aegyptischen Freunde sollen allerdings nichts davon wissen. Er lernt Deutsch.
Sie belegt Arabischkurse. Die Kinder wachsen zweisprachig auf.
1999 verlegt ihre Firma den Sitz nach Berlin.
Die Familie zieht in die Hauptstadt. Hellen Sprecher ist fuer den Aufbau
des Rechenzentrums verantwortlich, hat viel zu tun. Hannah und Ibrahim
gehen in den Kindergarten. Mahmoud muss neue Freunde finden, hat keine
richtige Aufgabe. In der Beziehung beginnt es zu kriseln. Ihre Urlaube
verbringt die Familie in Kom El Nor. Der letzte ist eine einzige Katastrophe.
Alles was Hellen macht, ist falsch. Das ist der Bruch. Ein untruegliches
Gespuer sagt ihr: "Da ist jemand, der sagt, er liebt mich. Aber eigentlich
hat er keine Achtung vor mir."
Am 20. Maerz 2000 teilt sie ihm ihren Entschluss
mit. Aber sie macht keinen harten Schnitt. Die Trennung soll nicht auf
Kosten der Kinder gehen. Mahmoud E. soll das gleiche Sorgerecht
haben wie sie. Der Auszug zieht sich in die Laenge, weil erst ein zweiter
Haushalt aufgebaut wird. Als er realisiert, dass es ihr ernst ist, ruestet
er auf. Unterstellt ihr, sie habe einen anderen. Wirft ihr vor, die Kinder
wuerden in Deutschland nicht nach seinen muslimischen Vorstellungen erzogen.
Wird unberechenbar. An Karfreitag schlaegt er sie zum ersten Mal. Das zweite
Mal in der Nacht des 7. Mai. Diesmal pruegelt er so auf sie ein, dass sie
denkt: Hier kommst du nicht lebend raus. Zum Glueck wacht Ibi auf. Am Morgen
faehrt sie ins Krankenhaus. Danach kehrt sie nicht mehr in die Wohnung
zurueck.
"Mein Wunsch war und ist, dass Ihr das
Beste aus Eurem Vater- und Mutterland mitbekommen sollt. Man hat Euch die
Wahl genommen, und das schmerzt mich fuer Euch."
Vier Jahre im Leben von Kindern sind eine
lange Zeit. Hannah ist heute neun, Ibrahim sechs Jahre alt. Wenn ueberhaupt,
vermag sich nur Hannah an die Mutter zu erinnern. Aber vielleicht spricht
sie mit Ibi darueber. Hannah. Das froehliche Maedchen, das immer alles
wissen wollte. Das der Mutter so aehnelt. Hannah, die nun wahrscheinlich
streng nach islamischen Regeln erzogen wird, nie Schwimmen und Radfahren
lernt. Vielleicht nicht einmal Hosen tragen darf.
Ich werde mein Leben weiterleben. Aber
immer werdet ihr bei mir sein. Ich werde die Erinnerung an euch hueten
wie meinen groessten Schatz.
Hellen Sprecher ueberlebt, weil sie Freunde
hat und Kollegen, die ihr zur Seite stehen. Sie wechselt die Wohnung, macht
eine Psychotherapie. Bleich, mit dunklen Ringen unter den Augen sitzt sie
im Gerichtssaal. Ihre Stimme ist leise, als sie aussagt, manchmal versagt
sie ihr ganz. Die Konfrontation mit Mahmoud E. verlangt ihr viel ab. Hellen
Sprecher empfindet keinen Hass auf den Mann, hegt keine Rachegefuehle.
Sie hat Angst. Angst davor, dass wieder eine Hoffnung zerstoert wird. Ein
aegyptischer Bekannter aus Bonn hat ausgesagt, die Kinder seien bei ihrer
Tante Fatma in Kairo. Aber wenn Mahmoud E. nicht einlenkt, wird die Mutter
Hannah und Ibrahim wohl kaum zurueckbekommen.
Viel Zeit ist nicht mehr. Heute ist der
vorerst letzte Prozesstag. Dann legt das Gericht bis zum 14. Maerz eine
Pause ein. Anschliessend soll das Urteil verkuendet werden. Fuer den Fall,
dass das Unwahrscheinliche doch noch eintreten sollte, steht fuer Hellen
Sprecher eines fest: Sie fuer ihren Teil wird den Kindern einen regelmaessigen
Kontakt zum Vater ermoeglichen.
Datenbank TAZ
AN Dokumentnummer: 022005110026
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