Arne ist nicht Aristoteles

Eine Frau flieht und lässt ihr Kind im Osten zurück. Der Junge wird zwangsadoptiert. Fast 20 Jahre später trifft er seine Mutter - und findet nicht zu ihr

Renate Oschlies

BERLIN, im August. An ihrem 25. Geburtstag, im September 1969, steht Gabriele Püschel auf der Westseite der Berliner Mauer und winkt. Sie winkt hinweg über Stacheldraht und Sperranlagen, winkt ihrer Freundin Gisela zu, die auf der Ostseite steht und einen Dreijährigen im Arm hält. Der Junge ist Gabriele Püschels Sohn. Erst neunzehn Jahre später wird sie ihn wiedersehen. Denn wenige Tage nach dem Gruß über die Mauer holen Polizei und Vertreter der DDR-Jugendhilfe das Kind der "republikflüchtigen" Gabriele Püschel aus der Wohnung der Ost-Berliner Freundin ab.

Da hat Gabriele Püschel bereits ein Jahr lang darum gekämpft, ihr Kind zu sich in den Westen zu holen. Tausendfach, das wusste sie, waren so genannte Familienzusammenführungen seit 1963 praktiziert worden. Im August 1968 war die junge Frau geflohen, nachdem ihr Freund, der Vater ihres Kindes, ein griechischer Student aus West-Berlin, wegen angeblicher Spionage in der DDR verhaftet worden war. Gabriele Püschel wurde gewarnt: Auch gegen sie laufe ein Haftbefehl.

Flucht nach Istanbul

Mit dem Ausweis einer Freundin gelingt ihr die Flucht über Polen, Tschechoslowakei, Sowjetunion und Bulgarien nach Istanbul. Auf der letzten Etappe versteckt sie ein Lastwagen-Fahrer zwischen den Achsen des Wagens. Ihren Sohn Aristoteles hat Gabriele Püschel angesichts der unvorbereiteten, gefährlichen Flucht bei ihren Eltern zurückgelassen. Die Behörden drohen dem Ehepaar, ihnen das Kind wegzunehmen, sie seien zu alt, es zu betreuen, das Kind müsse ins Heim. Gabriele Püschel plant, den Sohn von West-Berlin aus mit Hilfe eines Diplomaten aus der DDR zu holen. Da dies nicht mehr möglich wäre, wenn die Behörden den Großeltern das Kind wegnähmen und in ein Heim steckten, bringen ihre Eltern den Jungen bei Freundin Gisela unter. Doch bevor Gabriele Püschels Plan ausgeführt werden kann, wird das Kind abgeholt.

Aristoteles wird nur wenige Tage im Kinderheim verbringen. Ein Ost-Berliner Ehepaar, die Familie Grahm, bemüht sich sofort, das Kind in Pflege zu nehmen und zu adoptieren. Am 1. November 1969 notiert der Jugendfürsorger nach einem Hausbesuch bei den Grahms, dass "das Kind bereits jetzt Frau Grahm als Mutter anspricht". An die leibliche Mutter und den Vater habe das Kind jedoch noch "lebhafte Erinnerungen", heißt es weiter. Um "die Erinnerungen bei dem Kinde zu verdecken, wollen die Ehegatten den Vornamen ändern und das Kind bereits anders nennen".

Aus Aristoteles wird von einem Tag zum anderen Arne. Aus dem Sohn der "Staatsfeindin" und des angeblichen griechischen Spions wird das Kind eines Abteilungsleiters im Ost-Berliner Parteiverlag "Dietz-Verlag" und seiner Frau, einer Lehrerin. Wenn Aristoteles von seinen Eltern und Großeltern und von Tante Gisela erzählt, sagen ihm die neuen Eltern: "Arne, das hast du doch nur geträumt."

Gabriele Püschel weiß nicht, wo ihr Sohn in Ost-Berlin aufwächst. Die ehrgeizige junge Frau, der die DDR jede höhere Bildung versagte, beginnt zu studieren, Orientalis- tik und Religionswissenschaften. Gleichzeitig versucht sie, ihr Kind zurückzubekommen. Sie wiederholt ihre Anträge auf Familienzusammenführung. In einer Zeit der Entspannungspolitik, in der selbst der Bonner Minister für innerdeutsche Beziehungen, Egon Franke, leugnet, dass es Zwangsadoptionen in der DDR gibt.

Kurz vor Weihnachten 1971 bekommt Gabriele Püschel Post vom Jugendamt Berlin-Neukölln. Sie soll den Ost-Berliner Behörden ihre Einwilligung zum Entzug des Sorgerechts für Aristoteles geben. Sie lehnt empört ab. Was sie nicht ahnt, ist, dass sie den Kampf längst verloren hat. In Ost-Berlin bereitet man die Adoption ihres Kindes bereits vor. "Im Namen des Volkes" wird Aristoteles am 11. Mai 1972 gegen den erklärten Willen seiner Mutter zur Adoption freigegeben. Ihre Einwilligung wird durch Gerichtsentscheid des Stadtbezirksgerichts Berlin-Treptow ersetzt. Die Kosten für die Verhandlung mit dem "Streitwert: 500 Mark" werden Gabriele Püschel in Rechnung gestellt. Aus Aristoteles Püschel ist endgültig Arne Grahm geworden. Zur Übergabe der Adoptionsurkunde werden auch "Vertreter der Dienststellen der Ehegatten" eingeladen.

Gabriele Püschel weiß nicht, in was für eine Familie die DDR-Behörden ihr Kind gegeben haben. Sie wendet sich an die Presse. 1975 berichtet der "Spiegel" über den Fall, weitere Zwangsadoptionen werden bekannt. Schuldgefühle quälen die Mutter: Weil sie das Kind zurückgelassen hat auf der Flucht, konnte man es ihr fortnehmen. Gabriele Püschel lernt Eltern anderer zwangsadoptierter Kinder kennen. Einigen wurden ihre Kinder weggenommen, weil sie mit ihnen flüchteten. Sie hätten die Kinder Gefahren ausgesetzt und damit das Sorgerecht verwirkt, heißt es in den Begründungen der Gerichte.

Die Eltern schließen sich zusammen. Bei der KSZE-Tagung 1975 in Helsinki ketten sich Mütter an und fordern die Herausgabe ihrer Kinder. Aristoteles’ Mutter, die inzwischen geheiratet hat, nun Gabriele Yonan heißt und noch einen Sohn geboren hat, wird zur Sprecherin der Gruppe. Der Kampf um Aristoteles wird zur politischen Mission. Sie schreibt an den amerikanischen Präsidenten Carter, reist nach Washington, verteilt im Bundestag Flugblätter. Sie erfährt nichts von ihrem Kind, aus dem inzwischen ein Jugendlicher geworden ist.

Arne wächst in Berlin-Treptow auf, wird "unter den Augen der Genossen sozialistisch erzogen", beschreibt der heute 34 Jahre alte Mann seine Kindheit. Er wird Pionier, Agitator, Wandzeitungsredakteur seiner Schulklasse, wird FDJ-Funktionär und fährt ins Militärlager. "Das waren tolle Sachen", erinnert er sich. Und auch daran: Am Fernseher darf er eine Taste nicht drücken, sonst explodiere das Gerät, schärfen ihm die Eltern ein. Einmal drückt er sie doch. Auf dem Schirm erscheint ein Westsender. Als Arne 14 ist, beschimpft ihn ein Junge auf dem Schulhof als "Heimkind". Seine Nachfrage zu Hause löst Verwirrung auf. Als er einen Personalausweis beantragt, steht auf der Geburtsurkunde ein griechischer Name. Arne erfährt von seinen Eltern, dass er adoptiert wurde, weil seine Mutter ihn als Kleinkind verließ.

Das Verhältnis zu den Eltern verschlechtert sich. Arne lernt Punks kennen, taucht ein in die Ost-Berliner Szene. Mit 17 zieht er zu Hause aus, er will nicht zur Armee. Er wird Baumaschinist, einer seiner Punk-Freunde wird beim Fluchtversuch erschossen. 1987 will Arne raus aus der DDR. Da bricht die Schwester seines Adoptivvaters im Westen ihr Schweigen, erzählt ihm von seiner Mutter in West-Berlin und vermittelt den Kontakt. Mutter und Sohn telefonieren, stundenlang.

"Ich brach nicht gerade in große Gefühle für meine Mutter aus", erinnert sich Arne. "Sie war schließlich von mir weggegangen. Ich versuchte mit nüchternem Kalkül, auf diese Weise in den Westen zu kommen." Das Stichwort heißt Familienzusammenführung. Arne beantragt die Ausreise. Überraschend schnell wird sie genehmigt, weil die DDR-Behörden kein Aufsehen wollen. Auch Arnes Freundin darf mit.

An einem Maitag 1988 erwartet Gabriele Yonan ihren Sohn in West-Berlin. Auf Wunsch der Mutter ziehen Arne und seine Freundin zu ihr und dem Halbruder David. Es geht nicht gut. "Ich platzte da in eine Welt, mit der ich nichts zu tun hatte", erzählt Arne. Der Alltag der promovierten Orientalistin ist "auf den Bruder David zugeschnitten". David, das musikalische Wunderkind. Mit zwölf tritt er bereits in der Philharmonie auf. David ist Waldorf-Schüler. Er wird Musik studieren und ein großer Geiger werden, das steht fest. Arne hat zuletzt in Ost-Berlin als Fensterputzer gearbeitet. Er geht in Discos und weiß noch nicht, was er im Westen machen will. Gabriele Yonan hat Angst, dass Arnes Lebenswandel den jüngeren Sohn beeinflussen könnte. "Ich bin nun einmal leistungsorientiert", sagt die Mutter. Sie kann mit Arnes Lebenseinstellung nichts anfangen. Nach zehn Tagen zieht Arne aus.

Gabriele Yonan drängt ihn, sich mit seiner - und ihrer - Geschichte auseinander zu setzen. Er soll sich von den Adoptiveltern lossagen. Seinen Geburtsnamen wieder annehmen. Doch dazu ist Arne nicht bereit. Er studiert die Unterlagen, die die Mutter über die Jahre gesammelt hat. "Es liest sich wie ein Krimi", stellt er fest. "Doch das ist ihre Geschichte, nicht meine. Ich war nach 20 Jahren Arne Grahm und nicht Aristoteles Püschel."

Als die Mauer fällt, nimmt er wieder Kontakt auf zu seinen Adoptiveltern. Die versichern ihm, erst 1975, als das Thema im Westen durch die Medien ging, von seiner wahren Identität erfahren zu haben. Arne glaubt ihnen. "Sie wollten mein Bestes, im Sinne des Staates. Dieses Rechtsempfinden meiner Eltern kann ich gut nachvollziehen", sagt der Sohn. "Wenn es so war, dann wären wir alle Opfer des Kalten Krieges", denkt Gabriele Yonan damals und sucht nach einem Modus Vivendi, mit dem alle leben können. Im Oktober 1991 feiern sie gemeinsam Arnes Geburtstag.

Wenige Wochen später werden die Stasi-Akten geöffnet. Gabriele Yonan ist eine der Ersten, die ihre Unterlagen einsehen darf. Die Adoptiveltern waren nach den Akten von Anfang an über die Identität des Kindes informiert. Arne soll nun, bitte, endlich zur Kenntnis nehmen, was geschehen ist, fordert die Mutter. "Ich wollte, dass er sich als Opfer fühlt, aber das tat er nicht", sagt Gabriele Yonan.

Sie malt sich aus, was aus dem Jungen alles hätte werden können, wenn er bei ihr aufgewachsen wäre. Sie sagt das auch in der Presse. Dort stellt sie ihren Sohn David als "gelungenen West-Sohn" vor und weist auf Arne, den Sohn, der in der DDR erzogen wurde, der "den Manipulationen dieses Systems ausgesetzt war und diesen Infekt bis heute mit sich herumschleppt". Heute empfindet sie ihr Verhalten als gemein. Arne hat es tief verletzt.

Eine Hoffnung

Mutter und Sohn sehen sich immer seltener, bis der Kontakt für mehrere Jahre abreißt. Arne beginnt ein Studium, bricht es ab, jobbt, studiert wieder. Mutter und Sohn wissen voneinander über David, den Geiger, der sich mit seinem Bruder sehr gut versteht. "Ich wollte diese Frau nicht in mein Leben lassen mit ihrem grenzenlosen Hass auf das DDR-System. Sie sollte ihren Hass nicht an mich weitergeben", begründet Arne seinen Rückzug.

Seit einigen Wochen haben Mutter und Sohn wieder Kontakt. Von einem Freund erfuhr Gabriele Yonan, dass sie Großmutter wird. Es ist das erste Mal, dass sie im Gespräch ihre Emotionen nicht beherrscht. Sie hat Tränen in den Augen, als sie davon erzählt. Inzwischen hat sie ihre Enkelin gesehen. "Vielleicht gibt das Baby unserer Geschichte einen versöhnlichen Abschluss", hofft Gabriele Yonan.

Großmutter wurde auch die Frau, die Arne adoptiert hat, die er als Mutter ansieht. "Das Gefühl, dass jetzt alles gut ist, nachdem ich meine leibliche Mutter wiedergefunden habe, das hat sich niemals eingestellt", sagt Arne. "Uns fehlen zwanzig Jahre Alltag, Geburtstage, Weihnachten feiern - alles, was Nähe ausmacht", sagt Gabriele Yonan. "In diesem Punkt hat Gabriele verloren", sagt Arne.
 

Samstag, 11. August 2001
www.BerlinOnline.de/aktuelles/berliner_zeitung/seite_3/.html/64621.html
 



Betreff: Artikel auf Ihrer Homepage
Datum: Thu, 6 Nov 2003 20:30:24 +0100
Von: Arne Grahm
An: TSochart@vaeter-aktuell.de

hallo herr sochart,

hier ist der von mir angesprochene link zu meiner gegendarstellung.

beim lesen wird ihnen sicher klar, warum ich sie um eine alternative
darstellung auf ihrer page bitte. das interview mit der journalistin
renate oschließ stand leider unter keinem guten stern, wie mir beim
recherchieren ihrer früheren artikel aufging, hat frau oschließ
scheinbar noch ein paar persönliche rechnungen mit dem staat ddr zu
begleichen. dagegen habe ich auch überhaupt nichts einzuwenden, es sei
denn sie betreibt ihre abrechnungen auf kosten meiner person. es macht
sich offenbar besser, die vermeintlichen opfer eines politischen
regimes, mit zusätzlichen schrammen zu versehen, um auch dem
abgebrühtesten leser zu tränen zu rühren.
    da erfahrungsgemäß aber die meisten leser des artikels nur die
politischen aspekte wahrgenommen haben und weniger die persönlichen,
hätte ich nichts dagegen, wenn sie den text mit verweis auf meine
gegendarstellung auf ihrer seite belassen. ich hoffe, sie finden eine
für mich und auch für sich (die absicht ihrer hompage betreffend)
befriedigende lösung und wünsche ihnen weiterhin viel erfolg.

mit freundlichen grüßen
arne grahm
 


Gegendarstellung

In der Berliner Zeitung vom 11./12. 8. 2001 verbreiten Sie unter der Überschrift "Arne ist nicht Aristoteles" auf S. 3 über mich unzutreffende Darstellungen.

1. Sie schreiben: "Er wird . FDJ-Funktionär und fährt ins Militärlager." "Das waren tolle Sachen, erinnert er sich." Dazu stelle ich fest: Ich war nie FDJ-Funktionär, und fand auch die Militärlager nicht toll und habe so etwas auch nicht gesagt.

2. Sie schreiben: "Arne lernt Punks kennen, taucht ein in die Ost-Berliner Szene. .einer seiner Punk-Freunde wird beim Fluchtversuch erschossen." Dazu stelle ich fest: Ich weiß nichts von einem Punk-Freund, der erschossen wurde.

3. Sie schreiben im Zusammenhang mit meinem Lebenswandel nach meiner Übersiedlung nach West-Berlin: "Er geht in Discos und weiß noch nicht, was er im Westen machen will." Dazu stelle ich fest: Ich habe mir sofort eine Wohnung gesucht, die Anerkennung meiner Zeugnisse betrieben und mich umgehend für das Studium meiner Wahl beworben. Ich wusste, was ich machen wollte.

4. Sie schreiben: "Als die Mauer fällt, nimmt er wieder Kontakt zu den Adoptiv-Eltern auf." Das ist falsch: Ich hatte vor und nach meiner Aussiedlung ständigen Kontakt zu meinen Eltern.

5. Sie schreiben, meine Adoptiv-Eltern hätten mir versichert, erst 1975 von meiner Identität erfahren zu haben. Ich hätte ihnen geglaubt. Sie schreiben weiter, nach dem Inhalt der Stasi-Akten seien meine Adoptiv-Eltern von Anfang an über meine Identität informiert gewesen. Dazu stelle ich fest: Ich habe erklärt, dass meine Eltern erst 1975 über das Schicksal und die Gründe des "Verlustes" meiner leiblichen Mutter informiert wurden. Meine Identität, also meinen Namen kannten sie immer. Stasi-Akten über meine Adoptiv -Eltern oder deren Wissen über das Schicksal meiner Mutter gibt es nicht. Aus den beim Jugendamt und anderswo entstandenen behördlichen Aktenvorgängen ergibt sich nicht, dass die Adoptiv-Eltern vor 1975 vom Schicksal meiner Mutter wussten.

Berlin, den 16. August 2001

RA Johannes Eisenberg für Arne Grahm.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2001/0907/politik/0079/index.html?keywords=Arne%20Grahm;ok=OK%21;match=strict;author=;ressort=;von=;bis=;mark=arne%20grahm