21 Jahre Sehnsucht
Als Denise B. schwanger wurde, war sie erst 15. Ihr Kind musste sie nach der Geburt zur Adoption freigeben. Vergessen aber konnte sie es nie. Deshalb hat sie lange nach ihm gesucht. Nun haben sich zwei Fremde getroffen: der Sohn und seine leibliche Mutter.
Silke Becker
Es kam natürlich anders als geplant. Die halbe Nacht lag sie wach, grübelte, verbrachte den Morgen mit zitternden Knien, bis der Termin näher rückte. Und sie wusste immer noch keine Antwort. Wie sollte sie ihn begrüßen? Wie einen Fremden, der er ja war? Ihm förmlich die Hand schütteln, cool "hallo" sagen, wie es ein 21-Jähriger gut fände? Oder besser nichts sagen, weil jedes Wort hilflos wäre? Aber dann gingen sie wie von "einer unbestimmten Kraft geschoben" aufeinander zu. Er muss seine Arme einen Bruchteil einer Sekunde vor ihr geöffnet haben, um sie zu umarmen. So standen sie da. Minutenlang. Die Mutter und ihr Sohn. "Kitschig, was?"
Es war ihr großer Tag, der Tag X, auf den Denise B. 21 Jahre gewartet hatte. Ihren vollen Namen will sie nicht nennen, damit die Fernsehanstalten nicht ihre Nummer herausfinden. Zwei Mal hatte sie ihren Sohn vor diesem Tag gesehen. Ein paar Stunden nach der Geburt kam eine Hebamme mit dem Baby unterm Arm ans Bett, aber als sie den Kopf abdrehte, um zu weinen, trug die Hebamme es schnell davon. Das zweite Mal schlich sie mit ihrem Freund und Vater des Kindes auf die Neugeborenenstation und schaute es durch die Glasscheibe an. Danach wurde ihr Sohn zur Adoption freigegeben. Denise war damals 15 Jahre alt. Sie hat später mit dem gleichen Mann ein zweites Kind bekommen. Sie hat ihn geheiratet, ist längst wieder geschieden.
Mehr als ein Jahrzehnt nach der Geburt ihres Sohnes fuhr sie manchmal an dem Haus vorbei, in dem er wohnte. Immer im Schritttempo, stieg nie aus, hatte Angst, erkannt zu werden, fragte sich, in welchem der vielen Zimmer ihr Sohn lebte, und hoffte, ihn zu sehen. Aber bis dahin war ein langer Weg.
Weil es der Vater so wollte
Denise B. könnte ihren Vater hassen, ihn verachten für das, was er ihr angetan hat, diesen dauernden Schmerz, den sie nicht erklären kann. Aber sie hat ihren Vater nie gehasst, eher sich selbst, war wütend auf sich und darauf, was sie alles mit sich machen ließ, ohne aufzubegehren. Dabei hatte er es gut gemeint. Sie war ja noch ein Kind, erst 15 und schwanger.
Der Vater hatte eine ziemlich genaue Vorstellung vom Leben seines hübschen, zarten Töchterchens. Sie sollte es einmal besser haben, nicht eine Nachtarbeiterin werden wie er. Dafür schickte er sie auf ein Mädchengymnasium in Hannover. "Vielleicht", sagt Denise, "versteht er erst jetzt, mit fast 60 Jahren, dass ich anders bin."
Es hatte niemand bemerkt. Nicht einmal sie selbst, hatte es wohl geahnt, befürchtet, es versteckt. Heute nennt man so etwas verdrängte Schwangerschaften. Bis eines Abends die Oma ans Bett der Enkelin trat: "Mädchen, bist du schwanger? "Nein." Der Vater schickt sie zum Frauenarzt. Der sagt nur: "Mädchen, guckt dich denn zu Hause keiner an?" Da war Denise am Ende des siebten Monats. Der Vater ein 18-jähriger Junge aus dem Heim. Schlimmer hätte es kaum kommen können.
Der Vater regelte alles. Termine beim Jugendamt, der Adoptionsstelle, dem Arzt, dem Krankenhaus, dem Notar und der Schule. Noch heute kann sich Denise die Szenen von damals abrufen wie aus einem Film. Sie saß vor riesigen Schreibtischen, wurde von Erwachsenen vor die Tür geschickt, dazugeholt, wenn es um die Unterschrift ging. Zettel über Zettel lagen vor ihr, Einverständniserklärungen, Abtretungsurkunden. Denise unterschrieb sie alle und wagte es nicht, etwas zu sagen.
Sie muss damals noch stiller gewesen sein als jetzt. Wenn man sie heute fragt, ob die Adoption ihr Leben zerstört habe, sagt sie: "Klar." Denn sie hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Sie dachte, Oma könnte doch auf das Kind aufpassen, während sie in der Schule ist; irgendwie würde es schon gehen. Im Krankenhaus nahm sie sich jeden Tag vor, ihren Vater anzusprechen. Aber jedesmal, wenn er ging, hatte sie nichts gesagt. Sie hat den Zeitpunkt verpasst. Acht Wochen nach der Geburt leistete sie die letzte Unterschrift. Danach war das Thema tabu. Denise ging wieder in die Schule. Alle taten, als wäre nichts gewesen.
Die 35-Jährige sitzt jetzt in ihrem Wohnzimmer auf einem Stuhl, die Beine zweimal übereinander geschlagen, Arme vor der Brust verschränkt. "Ich sitze einfach gerne so." Auf dem Tisch liegen Fotos vom Vater des Kindes, ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann. Typ Mädchenheld, mit dunklen Augen, kurzen Locken und langem Zopf im Nacken. Die 15-jährige Denise im Schlabberlook, die blonden Haare nach außen gefönt zu einer Regenrinne, wie es damals modern war. Dazwischen Fotos von ihrem Sohn Stefan, der aussieht wie der junge Christoph Schlingensief, die braunen Haare stehen in alle Richtungen. Er wohnt jetzt in einer Wohngemeinschaft in Berlin und studiert Psychologie.
Als Denise 1985 wieder schwanger ist, mit 20 und noch nicht verheiratet, muss sie zum Jugendamt, nimmt all ihren Mut zusammen und spricht den Sachbearbeiter an. Ob sie nicht mal ein Foto von ihrem Kind bekommen könne oder einen Entwicklungsbericht? Aber der Mann sagt nur: "Jetzt bekommen Sie ein neues Kind. Lassen Sie es auf sich beruhen." Heute kennt Denise andere Frauen, die das gleiche zu hören bekamen. Mütter aus einem Gesprächskreis, in dem Adoptierte und Adoptiveltern sitzen. Im ganzen Land entstanden in den vergangenen Jahren Selbsthilfegruppen, viele nennen sich "Rabenmütter" - "so werden wir doch genannt". Manchen Frauen wurden Kaiserschnitte gemacht, damit sie die Geburt und das Baby nicht erleben. Kein böser Wille. Ärzte und Ämter glaubten lange, es sei besser so, je weniger die Frauen wüssten, desto eher könnten sie vergessen. Heute ist man offener, will, dass alle Seiten Kontakt haben. Denise B. kennt Frauen, die trotzdem scheiterten, die zur Flasche griffen, jahrelang Therapien machten. Für sie kam ein Therapie nicht in Frage, sagt sie und glaubt: "Das hätte nicht die Sehnsucht gestillt."
Als ihr zweites Kind da war, die Tochter, hoffte Denise, dass nun der Schmerz verschwinde, weil es Ersatz gab. Aber er verschwand nicht. Sie hasste das dauernde Lügen. Überall wird nach der Zahl der Kinder gefragt, wenn man neue Leute kennenlernt, auf Ämtern, bei Bewerbungen. Sie hätte gerne gesagt: "zwei Kinder". Doch das hätte jedesmal einen Rattenschwanz an Erklärungen nach sich gezogen. Was hätte sie preisgeben sollen? Was nicht? Also schwieg sie und wartete. Auf den richtigen Zeitpunkt.
1992 macht sie einen neuen Anlauf, trifft auf eine verständnisvolle Sachbearbeiterin und hat tatsächlich ein paar Wochen später einen Brief der Adoptiveltern in der Hand - ohne Anrede, ohne ein persönliches Wort: einige Informationen über unseren Sohn Stefan. Auf zwei Seiten steht, dass er ein guter Schüler ist, sehr sozial eingestellt, Querflöte und Klavier spielt, als Sportarten Fechten und Skilaufen betreibt. Da packt sie das erste Mal die Angst, ihr Sohn könnte ein "verzogener Spießer" sein. Aber das Glück überwiegt, endlich etwas in der Hand zu haben. Glück hat sie auch, als sie zwei Jahre später schriftlich um eine Abstammungsurkunde bittet. Obwohl sie damit rechnet, sie nicht zu bekommen, weil es ein "gesetzliches Ausforschungsverbot" gibt, liegt sie zwei Wochen später im Briefkasten. "Auf dem Amt muss jemand geschlafen haben." Nun wusste sie den Namen, fand den Wohnort heraus. Das war die Zeit, als sie begann, heimlich in die fremde Stadt zu fahren, immer wieder am Haus ihres Sohnes vorbei.
Auf dem Couchtisch hat Denise jetzt Fotos von Mutter und Sohn ausgebreitet. Ihr erster Tag im vergangenen Juli. Er hält sie im Arm. Es sieht ein bisschen aus, als hätte sich eine ältere Frau einen jungen Mann gesucht, wie ein Liebespaar schauen sie sich an. Sie versuchen sich ihr Leben zu erzählen. "Am liebsten möchte man all die Jahre auf einmal nachholen, aber das geht natürlich nicht."
Die Beichte
Am Tag vor dem ersten Treffen, musste sie ihre Geschichte auch endlich der Tochter beichten. So oft hatte sie angesetzt, es sich vorgenommen. Aber als das Kind klein war, wollte sie ihm keine Angst machen. Nicht dass es glaubte, es würde ebenfalls zur Adoption gegeben, wenn es sich schlecht verhielte. Später hielt sie die Sorge ab, das Mädchen könnte davon in der Schule erzählen. Aber nun war es so weit: Die 14-Jährige hörte der Mutter zunächst ruhig zu. Aber als sie erfuhr, dass alle Bescheid wussten, der Lebenspartner, die beste Freundin, und dass ihre Mutter seit drei Jahren in einem Gesprächskreis ist, da war sie sauer. "Recht hat sie", sagt Denise. Sie hatte wieder nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden. Wenn sie jetzt mit beiden Kindern zusammen sitzt, passt sie auf, ihre Tochter nicht zu verletzen.
Alle sind vorsichtig. Auch der Sohn Stefan. Er erzählte seinen Eltern erst nach mehreren Treffen, dass er bei seiner leiblichen Mutter war. Aber er erzählt ihnen nicht, wie oft sie sich sehen, wie gut sie sich verstehen. Er will sie nicht verletzten. Es sind ja seine Eltern.
Denise B. findet das gut, ein Beweis für die Feinfühligkeit ihres Sohnes. Sie weiß, dass sie eine Bedrohung für die Eltern ist. Schließlich hat sie nicht nachts am Bett gesessen, das weinende Kind beruhigt, ihn nicht als Teenager ertragen müssen. Denise B. kennt die Ängste der Adoptiveltern aus ihrer Gruppe. Viele fürchten, dass die Kinder sich abwenden, dass man ihnen etwas wegnimmt. "Aber das stimmt nicht", sagt Denise. Am liebsten würde sie die Adoptiveltern einmal kennenlernen, denn eigentlich haben sie ja ein gemeinsames Kind.
Ein- bis zweimal jede Woche telefonieren
Denise und ihr Sohn. Sie weiß nun, dass sie ihn jederzeit sehen kann.
Einmal besuchte sie ihn in Berlin. Der Sohn zog mit seiner Mutter durch
die Kneipen. Und wenn Freunde zu Besuch kamen, stellte er sie vor: "Das
ist meine Mutter" - und ihr Herz machte jedesmal hupps.
18.03.2001
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