"Wir wollen Überlegungen anregen und Anstöße geben, tiefer in das Thema Adoption und Pflege einzusteigen", so Michael Ritter vom Kreisjugendamt. Egal ob Tagespflege, Vollzeitpflege oder Adoption, die Jugendämter sind sowohl für leibliche Eltern wie die Pflegeeltern erste Anlaufstelle, wenn ein Kind vermittelt werden soll. Um den Gang auf die Behörde kommen auch Paare nicht herum, die ein Kind aus dem Ausland adoptieren möchten. Grund: Den Adoptionsbeschluss spricht ein Gericht aus. Und das hört die Fachleute des Jugendamtes an. Thomas Christner vom Jugendamt Konstanz: "Ich würde beispielsweise nie einer Adoption zustimmen, wenn ein Paar im Rentenalter einen Säugling adoptieren möchte. " Wobei Adoptionen heutzutage eher selten seien. Das Jugendamt Konstanz vermittelte dieses Jahr drei Adoptionen, in den vier Jahren zuvor war es keine einzige. Fünf Konstanzer Paare würden momentan gerne ein Kind für immer bei sich aufnehmen.
Egal ob Adoption oder Pflege, die Chemie zwischen leiblichen Eltern und Pflege- beziehungsweise Adoptivfamilie müsse stimmen, so Ritter. Und zwar zum Wohle des Kindes. Das könne auf seine Art nämlich sowohl leibliche Eltern wie Ersatzeltern lieben.
Kinder und Jugendliche, für die ein neues Zuhause gesucht wird, sind "häufig in ihrer sozialen und psychischen Entwicklung zu kurz gekommen", sagte Ritter. Manche hätten Probleme, enge Bindungen einzugehen, andere klammerten. In der Regel handele es sich um Kinder und Jugendliche, die massive Kränkungen und Verletzungen erlitten hätten. Doch wäre es ungerecht, die leiblichen Eltern zu stigmatisieren. Häufig stammten diese selbst aus zerrütteten Verhältnissen. Das Gefühl, mit einem Kind überfordert zu sein, könne auch Ursachen haben, die nicht ausschließlich hausgemacht seien: Trennung vom Partner, eine Krankheit, fehlendes Geld oder Wohnraumnot. "Eltern, die ihre Kinder weggeben, leiden unter der Trennung, haben Versagensängste und sind der sozialen Ächtung ausgesetzt", betonte Ritter.
Und wie sieht die optimale Pflege- oder Adoptivfamilie aus? Sie sollte stabil sein, unterstrich Ritter. Dazu gehörten ein geregelter Tagesablauf, das Kind brauche in seinem neuen Zuhause eine Rückzugsmöglichkeit und die Ressource Zeit sollte in der aufnehmenden Familie nicht zu knapp sein. Nicht nur das neue Familienmitglied verlange Zeit für seine Betreuung, Pflege- oder Adoptiveltern benötigten auch die eine oder andere ruhige Stunde für sich selbst.
Paare, die in einer offenen Zweierbeziehung zusammenleben, raten die
Fachleute der Jugendämter nicht zu Adoption und Vollzeitpflege. Mutter
und Vater als Rollenvorbilder - egal ob mit oder ohne Trauschein - seien
für ein Kind sehr gut. Doch grundsätzlich könnten auch Singles
ein Kind bei sich aufnehmen.
25.11.1999
Südkurier-online